Dr. Andreas Gassen

Bereit von morgens bis morgens

Die Tage werden kürzer und kälter, der Herbst löst den Sommer ab. Das könnte sich negativ auf die Covid-19-Fallzahlen auswirken. Laut Dr. Andreas Gassen sind die Arztpraxen in Deutschland gut darauf vorbereitet. Das hat mehrere Gründe
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Zur Person

Dr. Andreas Gassen

Herr Dr. Gassen, die Sommermonate sind vorbei, die Tage werden immer kürzer und vor allem kälter. Wie gut sind wir in der ambulanten Versorgung auf die dunkle Jahreszeit vorbereitet, wenn die Covid-19-Fallzahlen erneut stark zunehmen könnten, wie Expertinnen und Experten befürchten?

ANDREAS GASSEN: Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte haben beim ersten Ausbruch im März Großartiges geleistet. Insgesamt kamen im Monat März rund 350.000 Tests auf eine Covid-19-Infektion und darüber hinaus rund 850.000 Behandlungsanlässe zur Versorgung einer Coronavirus-Infektion oder eines -Infektionsverdachts. Selbst während der Hochphase der Pandemie sind 85 Prozent der betroffenen Patienten in den Arztpraxen versorgt worden. Die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen mit ihren Praxisteams hielten den Krankenhäusern den Rücken frei. Dieser Schutzwall bewahrte unser Gesundheitssystem vor einer Überlastung. Deshalb bin ich der Ansicht, dass wir gut vorbereitet in die kalte Jahreszeit gehen. Zumal wir in den vergangenen Monaten viel über das neuartige Virus gelernt haben und uns besser darauf eingestellt haben.

„Es gerät manchmal in den Hintergrund, dass wegen Corona nicht einfach alle anderen Krankheiten verschwunden sind.“

Wie hoch war die Belastung der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in den vergangenen Monaten?

Natürlich belastet die Pandemie die Ärztinnen und Ärzte. Es gerät manchmal in den Hintergrund, dass wegen Corona ja nicht einfach alle anderen Krankheiten verschwunden sind. So müssen ja beispielsweise chronisch kranke Menschen weiterhin versorgt werden. Das ist in den Praxen ja während all der Monate mit Corona weitergelaufen. Gleichzeitig mussten die Praxisteams vermeiden, sich bei der Arbeit selbst zu infizieren. Außerdem fluktuierte das Patientenaufkommen in den vergangenen Monaten stark. Natürlich wurden insbesondere während der Hochphase der Pandemie im Frühjahr Termine verschoben, wenn dies aus medizinischer Sicht möglich war. Doch leider haben sowohl in den Praxen als auch in den Krankenhäusern Patientinnen und Patienten aus Angst vor Corona eigentlich notwendige Behandlungen und Untersuchungen ohne weitere Absprache nicht wahrgenommen. Und das bereitet mir auch jetzt noch Sorgen!

 

Also wird die Bedeutung jeder einzelnen Arztpraxis weiterhin hoch bleiben.

Vollkommen richtig. Vor allem angesichts des demografischen Wandels sind wir auf Nachwuchs in der Praxislandschaft dringend angewiesen. Zum einen, weil aktuell immer mehr Ärzte in Rente gehen, die jahrzehntelang zuverlässig praktiziert haben. Zum anderen steigt das Durchschnittsalter der Deutschen und dadurch auch ihr gesundheitlicher Behandlungsbedarf. Eine Befragung der Versicherten hat ergeben, dass auch die potenziellen Patientinnen und Patienten dieses Problem erkannt haben: Die knapper werdende „Ressource Arzt“ wird von den Befragten als eine der größten Herausforderungen für unser Gesundheitssystem in den nächsten Jahren genannt. Wir ringen also um jeden Arzt, der vor allem auf dem Land eine neue Arztpraxis eröffnen oder weiterführen möchte. Auch bei medizinischen Fachangestellten droht uns ein Engpass. Wir sollten im Sinne aller sicherstellen, dass die Ausbildung attraktiv bleibt.

„Wir sollten sicherstellen, dass die Ausbildung zum medizinischen Fachangestellten attraktiv bleibt.“

Das neuartige Coronavirus ist tagsüber und nachts aktiv, es schläft nicht. Sollte es sich in den kommenden Monaten wieder stärker verbreiten, droht erneut eine Belastungszunahme für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. Welche Abhilfe kann da der ärztliche Bereitschaftsdienst leisten, der rund um die Uhr erreichbar ist?

Zunächst einmal bedeutet der ärztliche Bereitschaftsdienst für die Kolleginnen und Kollegen natürlich eine zusätzliche Belastung. Denn neben den Öffnungszeiten am Tage bieten sie im Bereitschaftsdienst nachts, an Feiertagen und an Wochenenden ihre medizinischen Dienste an. Ein Großteil der Erkrankten erhielt die Hilfe übrigens, nachdem er die bundesweite einheitliche Patientenservice-Nummer 116117 wählte.

 

Durch die Corona-Pandemie bauten Praxen ihre Videosprechstunden aus oder führten sie neu ein, die Politik ermöglichte gleichzeitig Krankschreibungen per Telefon. Ist das eine andere Form der Entlastung für die Erkrankten und für die Behandelnden – egal ob bei Tag oder in der Nacht?

Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Schwierig wird es aber, wenn ein einfacher Blick oder eine Beschreibung nicht ausreicht, um eine exakte Diagnose zu stellen. Dann geraten Videotools, Apps und Telefone schnell an ihre Grenzen. Das persönliche Gespräch zwischen Patient und Arzt wird unersetzlich bleiben. Dass in der aktuellen Krisensituation verstärkt andere Kommunikationswege gewählt werden, ist allerdings vertretbar. Schließlich wurde dadurch auch das Ansteckungsrisiko minimiert. Videosprechstunden und Co. geraten in Deutschland auch aus einem ganz anderen Grund an Grenzen, nämlich dann, wenn es keine ausreichenden Leitungsnetze gibt.

„Das persönliche Gespräch zwischen Patient und Arzt wird unersetzlich bleiben.“

Die Politik steckt aktuell viel Geld in die Erforschung eines Impfstoffes. Tag und Nacht wird daran gearbeitet. Gleichzeitig wird viel Geld locker gemacht, damit die Wirtschaft nicht einbricht. Fürchten Sie daher langfristige Einbußen für den Gesundheitssektor?

Eine Lehre aus der Corona-Zeit ist, dass Sparen am Gesundheitssystem der falsche Weg ist. Bislang hat uns das System gut durch die Krise gebracht. Die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen in Praxen und Krankenhäusern haben gut zusammengearbeitet. Wir sind auch im Vergleich mit anderen Ländern gut aufgestellt, beispielsweise weil wir ein leistungsstarkes und flächendeckendes ambulantes System mit niedergelassenen Hausärzten und Fachärzten haben. All das sollten wir nicht aufs Spiel setzen.