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Das Haus zwischen den Grenzen

Allein im Museum: ein nächtlicher Streifzug durch den Berliner Gropius Bau
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Wer bei Einbruch der Dunkelheit den Potsdamer Platz in südlicher Richtung hinter sich lässt und nach einigen hundert Metern links in die Niederkirchnerstraße einbiegt, wird ein Gebäude vorfinden, das in jeder Hinsicht überrascht. Hier, in unmittelbarer Nähe zu Hitlers einstigem Machtzentrum, wo 28 Jahre lang die Mauer verlief und die Wunden des Zweiten Weltkrieges so sichtbar sind wie an kaum einem anderen Ort in Berlin, steht der Betrachter plötzlich vor einem italienischen Renaissance-Palast.

Ein kleines Wunder: Denn das Haus, zwischen 1877 und 1881 nach Plänen der Architekten Martin Gropius und Heino Schmieden errichtet und zunächst als Kunstgewerbemuseum und -schule genutzt, wurde 1943 von Bombardements stark beschädigt. Nach dem Krieg schien der Abriss eine Frage der Zeit – bis sich Walter Gropius einschaltete, der Bauhaus-Gründer und ein Großneffe des Architekten. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass der Bau restauriert und unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Von der Geschichte eingerahmt

Bis 1989 konnten die Besucher aus dem Museum direkt in den Ostteil der Stadt blicken – die Mauer verlief unmittelbar vor dem Hauptportal. Seit ihrem Fall befindet sich das Gebäude im Herzen des wiedervereinten Berlins, unmittelbar neben der Topographie des Terrors, einer Ausstellung über die NS-Zeit.

Deutsche Teilung und NS-Geschichte: Ohne diese Epochen im Hinterkopf lässt sich der Gropius Bau laut Dr. Stephanie Rosenthal nicht gestalten. Die Museumsdirektorin empfängt an diesem Spätsommerabend im hell beleuchteten Foyer des Hauses. Der Museumsshop ist geschlossen, der Ticketschalter nicht mehr besetzt. Die letzten Besucher sind fort. „Themen wie Grenzen und Zugehörigkeit spielen im Gropius Bau vor dem Hintergrund der hier allgegenwärtigen Geschichte eine große Rolle“, sagt Rosenthal. „Wir möchten Grenzen öffnen und die Leute dazu bewegen, sich auszutauschen.“

Ein Ort, wo ein solcher Austausch stattfinden kann, ist das Museumsrestaurant „Beba“ – der Lieblingsort der Kunsthistorikerin. „Der Gropius Bau soll nicht nur aus Ausstellungen bestehen. Wir wollen ein lebender Organismus sein, ein Haus, in dem Leute zusammenkommen und sich unterhalten“, so Rosenthal. Gerne besuche sie das Restaurant, um einen Überblick über die Besucher zu bekommen. „Wenn man öfter hier ist, entwickelt man ein gutes Gespür für das Publikum.“

 

„Es ist ein Privileg, alleine Zeit mit der Kunst verbringen zu können.“

Allein mit sich und der Kunst

Ein Museum mit Publikum – das erscheint im Angesicht der leeren Flure und des Nachhallens der verlorenen Stimmen im Moment kaum vorstellbar. Eine Situation, der die Direktorin viel abgewinnen kann: Natürlich sei ihr das Museum am liebsten, wenn es voll ist. Doch gerade jetzt, leer und bei Nacht, entwickle es eine besondere Magie. „Es ist ein Privileg, alleine Zeit mit der Kunst verbringen zu können.“

Durch das gewaltige Treppenhaus geht es in die Ausstellungsräume. Plötzlich ertönt ein schrilles Sägen. Ein nächtlicher Einbrecher? Wohl kaum: Hinter der nächsten Ecke erblickt der Betrachter ein mit Lautsprechern ausgestattetes Kunstwerk der Künstlerin Otobong Nkanga, die in ihrer Ausstellung die Beziehung zwischen Mensch und Erde thematisiert. Ein Jahr lang arbeitete die gebürtige Nigerianerin 2019 im Gropius Bau. Ihre Werkschau „There’s No Such Thing as Solid Ground“ ist das Ergebnis ihres Schaffens in dieser Zeit.

Überhaupt bietet das Museum im Jahr der Corona-Pandemie vielen Künstlern eine Bühne, die dem breiten Publikum kein Begriff sein dürften. Mehrere große Ausstellungen wurden auf das Jahr 2021 verschoben – auch wenn der Besucherrückgang deutlich geringer ausfällt als befürchtet. Zwar bleiben Touristen verstärkt aus. „Aber die Berliner sind ein sehr treues Publikum“, sagt Rosenthal.

„Ein Kunstwerk über sein Smartphone anzuschauen wird den klassischen Museumsbesuch nicht ersetzen können.“

Ein Büro wie aus einer vergangenen Zeit

Im Büro der Direktorin herrscht wohl das, was man als kreative Unordnung bezeichnen würde. Die zwei Ebenen mit ihrer hölzernen Wendeltreppe und ihren riesigen Bücherwänden hätten sicher auch als Schulleiterbüro von Hogwarts in den Harry-Potter-Filmen eine gute Figur gemacht. Ob es solche Büros in zwanzig Jahren noch gebe? Oder ob dann jeder über Handy-Apps wie „Google Arts & Culture“ online Kunst konsumieren würde? „Bestimmt nicht“, sagt Stephanie Rosenthal. „Ein Kunstwerk über sein Smartphone anzuschauen wird den klassischen Museumsbesuch nicht ersetzen können.“ Nicht nur entfalle so die Wirkung des Raumes. Auch über Kunst ins Gespräch kommen könne man so nur schwer. „Eine Dating-Webseite ersetzt ja auch keine Beziehung“, so die Museumsdirektorin.

Als größtes Lob empfinde sie es, wenn Menschen nach einem Besuch im Gropius Bau den Impuls hätten, etwas zu ändern. „Wer plötzlich sein Verhalten gegenüber anderen Menschen oder bestimmten Themen verändern oder eine andere Kultur entdecken möchte, der hat etwas aus dem Museum mitgenommen“, so Rosenthal. Und das sei es doch, wobei es um Kunst gehe: um neue Perspektiven – und um das Überwinden von Grenzen.