Knigge

Die Uhrzeit kann man kniggen

Gibt es Benimmregeln, die nur zu einer bestimmten Tageszeit gelten? Die Expertin für Etikette Meike Slaby-Sandte erklärt, was es damit auf sich hat
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Ratschläge für gutes Benehmen findet man in vielen Büchern und Artikeln. Wenn es etwa um Kleidung geht, stößt man immer wieder auf die Regel „No brown after six“: Braune Herrenschuhe nach sechs Uhr abends sollen ein No-Go sein. „Diese Regel hat sich in Deutschland nie durchgesetzt“, weiß Meike Slaby-Sandte. Die Expertin für gutes Benehmen gibt Seminare zu zeitgemäßen Umgangsformen und war auch schon Gastmitglied im Deutschen Knigge-Rat. Generell hält sie nichts davon, sein Benehmen nach der Uhrzeit zu richten: „Es kommt immer auf das Ereignis und die Situation an, in der man sich befindet.“ Streng gehandhabt würden Kleiderregeln im Zusammenhang mit Uhrzeiten noch selten. „Falls sie einmal zu einer Adelshochzeit eingeladen werden, sollten sie als Herr ihren Gehrock auf keinen Fall nach 18 Uhr tragen“, so Slaby-Sandte.

 

Mitmenschen sollen sich wohlfühlen

Auch Benimmregeln, die festlegen, bis wann man „Guten Morgen“ wünschen darf, hält Slaby-Sandte für überflüssig: „Ich traue den Menschen zu, das selbst zu entscheiden.“ Wichtig findet sie, dass man überhaupt grüßt. „Meine oberste Benimmregel ist, dass ich mich immer so verhalte, dass meine Mitmenschen sich in meinem Beisein wohlfühlen“, so die Benimmexpertin. Beispiel Tischmanieren: „Ich hänge nicht über dem Teller und spreche nicht mit vollem Mund. Ganz wichtig – und das nicht nur bei Tisch: Ich reiße nicht immer wieder das Gespräch an mich und dominiere“, erklärt Slaby-Sandte. Zu gutem Benehmen gehört für die Expertin auf jeden Fall die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen, zu beobachten und sich dann passend einzubringen: „Das gilt besonders für uns unbekannte Situationen, in denen wir die Spielregeln noch nicht kennen.“

„Benimmregeln helfen uns dabei, uns sicher zu fühlen.“

Solche Spielregeln gibt es jede Menge. So gibt es oft detaillierte Regeln, die für eine bestimmte Situation gelten, zum Beispiel die Besteckreihenfolge bei einem Galadinner. „Bier aus der Flasche zu trinken, ist beim Grillabend mit Freunden passendes Benehmen, im Sternerestaurant eher nicht“, so die Trainerin. Slaby-Sandte findet, es kann sich lohnen, solche Regeln für bestimmte Anlässe zu lernen: „Benimmregeln helfen uns dabei, uns sicher zu fühlen“, so die Expertin. „Wenn ich weiß, dass ich mit einem bestimmten Verhalten nicht auffalle, bin ich selbstsicherer und kann die Situation besser genießen.“

 

Eine Ankerkette hilft beim Small Talk

Andere Regeln sind allgemeiner und können das Miteinander unabhängig von konkreten Situationen angenehmer gestalten. Ein Thema, auf das Slaby-Sandte in ihren Kursen großen Wert legt, ist das Begrüßen und Vorstellen. „Werfen Sie eine Ankerkette“, rät die Trainerin und meint damit, man solle sich oder andere nicht nur mit Namen vorstellen, sondern noch eine kleine Information dazu liefern. Das erleichtere es, den Einstieg in ein Gespräch zu finden. Welche Information das ist, hängt wiederum von der Situation ab. „Bei einem geschäftlichen Termin kann es schon reichen, wenn ich erzähle, von wo ich angereist bin. Bei einer Party von Freunden erzähle ich vielleicht, dass ich den Gastgeber vom Tennisspielen kenne.“ Dasselbe Prinzip könne man auch nutzen, wenn man andere einander vorstellt: „Sie sollten Menschen so miteinander bekannt machen, dass diese sich auch ohne Sie weiter unterhalten können.“ Small Talk habe ja für manche einen eher negativen Beigeschmack; die Trainerin sieht das ganz anders: „Es muss ja nicht beim Small Talk bleiben, aber damit fängt ein gutes Gespräch in der Regel erst einmal an.“

Viele Spielregeln sind historisch gewachsen

Ganz allgemein versteht Slaby-Sandte unter guten Manieren ein natürliches, unvoreingenommenes und eher zurückhaltendes Miteinander. Einzelne Regeln könnten sich durchaus ändern, der grundsätzliche Sinn von gutem Benehmen – dass Menschen sich miteinander wohlfühlen – bleibe aber. „Viele der Spielregeln für bestimmte Situationen sind historisch gewachsen“, erklärt sie. Zum Beispiel sei es lange Zeit durchaus sinnvoll gewesen, wenn der Mann der Frau, die oft sehr aufwendige und unpraktische Kleider trug, beim Einsteigen in eine und Aussteigen aus einer Kutsche half. Seit aus Kutschen Autos geworden sind und Frauen oft Hosen tragen, fehlt zwar die Notwendigkeit für eine Hilfestellung, doch die Geste ist geblieben.

Darüber, welche Regeln heute noch zeitgemäß sind, diskutiert regelmäßig der Deutsche Knigge-Rat. Vor einigen Jahren hat der Rat einmal angeregt, beim Niesen nicht mehr „Gesundheit“ zu wünschen. Wie jeder aus eigener Erfahrung weiß, konnte sich diese Regeländerung nicht durchsetzen. „Wir sind es gewohnt, anderen durch das Wünschen von ‚Gesundheit‘ Aufmerksamkeit zu schenken, und das ist ja auch eine schöne Geste“, so Slaby-Sandte. Da sie bei Seminaren immer wieder darauf angesprochen wird: „Wenn jemand Heuschnupfen hat, reicht es aber, wenn Sie ein- oder zweimal ‚Gesundheit‘ wünschen.“

Gut benommen

Vieles, was wir als Benimmregel kennen, hat einen überraschenden Ursprung. Vier Beispiele.

Anstoßen

Hat mein Gegenüber Gift in meinen Becher getan? Um den Verdacht auszuräumen, stieß man so heftig die Becher aneinander, dass sich die Inhalte überschwappend vermengten.

Hut lüften

Heute lüften Menschen freundlich einen Strohhut, ursprünglich zeigten schwer gepanzerte Ritter durch das Lüften des Helms ihr Gesicht und ihre guten Absichten.

Männer vor Frauen I

Zur Zeit der Postkutschen lauerten in Rasthöfen Gefahren – weshalb der wehrhafte Herr immer zuerst eintrat. Gilt auch bei harmlosen Kneipen noch heute – wenn die Tür nach innen aufgeht.

Männer vor Frauen II

Rasthoftüren (oder die von Kneipen) öffnen heute aus Brandschutzgründen oft nach außen. Dann lässt der Herr die Dame eintreten, die wartet kurz, bis er wieder überholt und die Lage für sicher erklärt.