Einblick

Die Geschichte des Lichts

In der Bibel steht es ganz am Anfang: Nachdem Gott Himmel und Erde erschaffen hatte, sprach er die berühmten Worte „Es werde Licht“, trennte Helligkeit und Finsternis und erschuf so Tag und Nacht. Ob religiös oder nicht: Seit der Frühzeit geben sich Menschen alle Mühe, Licht in die Dunkelheit zu bringen
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Das Café Bauer war eine echte Sensation im an Attraktionen wahrlich nicht armen Berlin der Kaiserzeit. 1877 hatte Mathias Bauer das luxuriös ausgestaltete Lokal eröffnet. Neben vermutlich hervorragendem Kaffee – Bauer war Wiener – ­hielt der Cafetier ein schier unglaubliches Angebot von mehr als 800 Tageszeitungen aus dem In- und Ausland bereit. Und diese Auswahl konnten die Gäste ab 1884 bis tief in die Nacht hinein genießen: An der noblen Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden wurde erstmalig die Nacht zum Tage gemacht. Das Café Bauer war das erste elektrisch beleuchtete Haus in Deutschland. Somit war Schluss mit dem fahlen Schein von Kerzen und Petroleumlampen. Ein Stromnetz gab es damals noch nicht: Die nötige Elektrizität erzeugte man im Café Bauer mit einem eigenen Aggregat aus einer Dampfturbine und einem Generator im Keller. Den für seine Ansichten der damals vor Innovationskraft strotzenden deutschen Hauptstadt berühmten Maler Lesser Ury beeindruckte das hell erleuchtete Etablissement so sehr, dass er eine Vielzahl von Szenen im Café Bauer in Gemälden verewigte.

Die Entdeckung des Feuers: Voraussetzung für menschliches Leben

Die Erfindung der elektrischen Beleuchtung war ein Quantensprung in der Geschichte. Bis dahin hatten nur brennende Flammen die Dunkelheit ein wenig erleuchtet – das allerdings schon sehr lange Zeit. Die Entdeckung des Feuers und die Fähigkeit, es zu entzünden und zu bewahren, waren eine Grundvoraussetzung für die Entstehung des modernen Menschen. Die ältesten bekannten Feuerstellen sind etwa eine Million Jahre alt und stammen aus der Zeit des Homo erectus. Das Höhlenfeuer wurde zum Mythos, es inspirierte den griechischen Philosophen Platon zu seinem bis heute für die Erkenntnistheorie wichtigen Höhlengleichnis. Doch schon in der Steinzeit gab es grundlegende technische Innovationen: In der Höhle von Lascaux in Südfrankreich, wegen ihrer jungsteinzeitlichen Malereien „Sixtinische Kapelle der Frühzeit“ genannt, fanden Forscher eine Öllampe aus Sandstein mit einer steinzeittypisch simplen Konstruktion: eine flache Schale für das Öl oder Fett und eine Rinne für den Docht.

Die Öllampe wird zur Erfolgsgeschichte

Die einfache Öllampe wurde für Jahrtausende ein Dauerbrenner im reinen Sinne des Wortes. In der Antike entwickelte sie sich zur Massenware: Im alten Rom gab es eine Vielzahl von Herstellern, die mit festen Formen Lampen aus Ton fertigten. In der Regel waren die Oberseiten mit Bildmotiven verziert, auf der Unterseite fand sich nicht selten der Namenszug des Herstellers. Markenartikel gab es also schon vor etwa 2.000 Jahren. Und auch nach dem Untergang des Römischen Reiches ging die Erfolgsgeschichte der simplen Öllampe noch für Jahrhunderte weiter. Das Grundprinzip blieb dabei immer dasselbe, Fortentwicklungen gab es nur hinsichtlich des Materials und der Gehäuseform. Bekanntestes Beispiel ist der „Frosch“, eine Grubenlampe, die ab dem späten 16. Jahrhundert im Bergbau verwendet wurde. Der Frosch ist wie die Öllampen über Tage längst aus dem Alltag verschwunden, doch im Brauchtum lebt er bis heute weiter: Die inoffizielle Hymne der deutschen Bergbauregionen, die unter anderem vor allen Heimspielen der Fußballclubs Erzgebirge Aue und Schalke 04 ertönt, beginnt mit den Zeilen: „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt. Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, und er hat sein helles Licht bei der Nacht schon angezünd’t, schon angezünd’t.“

Von der Öl- zur Petroleumlampe

Eine grundlegende Verbesserung erfuhr die Technik der Öllampe erst im späten 18. Jahrhundert: Der Genfer Physiker, Chemiker, Erfinder und Unternehmer Ami Argand entwickelte in den 1780er Jahren eine Lampe mit einem Runddocht und einem Kamin (zunächst aus Blech, später aus Glas), die eine bis dahin unerreichte Lichtausbeute ermöglichte. Der Argand’sche Brenner fand von da an in allen Öllampen und ab dem 19. Jahrhundert in den aufkommenden und sich rasch verbreitenden Petroleumlampen Verwendung. Doch dieser Erfolg war historisch gesehen ein Strohfeuer.

Das elektrische Licht setzt sich durch

Keine 100 Jahre später erhielt Thomas Alva Edison das Patent für seine Glühlampe mit Kohlefäden; der Siegeszug des elektrischen Lichts begann. Durch ihn konnten nicht nur immer mehr Großstädter bis in die Nacht Zeitung lesen –­ das Leben änderte sich grundlegend: Die Menschen wurden zunehmend unabhängig vom natürlichen und über das Jahr unregelmäßigen Tag- und Nachtrhythmus. Wo die Straßen nachts hell beleuchtet waren, herrschte in den Abendstunden deutlich regerer Betrieb als in früheren Zeiten. Und auch die Arbeitswelt revolutionierte sich: In der Industrie war nun Arbeit im Schichtbetrieb rund um die Uhr möglich.

Die Nacht wird zum Tag

In den dicht besiedelten Regionen der Welt hat der Mensch die Nacht zum Tag gemacht, wie der Blick aus dem Weltall deutlich zeigt. In der Gegenrichtung wird der Blick zunehmend undeutlich: Seit es Menschen gibt, betrachten sie, neugierig oder ehrfürchtig, den Sternenhimmel. Doch in unseren hell erleuchteten Innenstädten sind heute allenfalls nur wenige, vielfach sogar gar keine Sterne mehr zu sehen. Fernab der Siedlungen kann der Mensch hingegen mit bloßem Auge etwa 6.500 Himmelskörper, etliche Sternbilder und mit der Milchstraße und dem Andromeda-Nebel sogar ganze Galaxien sehen. Allein das ist für manchen Romantiker oder Hobbyastronomen ein guter Grund, die Einsamkeit in entlegenen und daher kaum beleuchteten Gegenden zu suchen.