Charles Schumann

„Ich denke überhaupt nicht ans Alter

Im Gespräch mit Charles Schumann, Deutschlands berühmtestem Barkeeper
Lesezeit: 4 Minuten

Herr Schumann, tragen Sie eine Uhr? Wenn ja, wann ziehen Sie sie aus?
Jawohl, ich trage eine Uhr, doch ich ziehe sie auch regelmäßig aus: nachts, wenn ich ins Bett gehe – und tagsüber, wenn ich in der Küche arbeite.

Sind Sie ein pünktlicher Mensch?
Mehr als das. Ich bin überpünktlich.

Wie wichtig ist Ihnen Pünktlichkeit bei anderen Menschen?
Ich schlage da nach meinem Vater, der hatte zu dem Thema recht klare Ansichten: Wenn jemand zu einer Verabredung zehn Minuten zu spät kam, dann hat mein Vater ihm das nicht verziehen. Wenn jemand hingegen zwei oder mehrere Stunden zu spät kam, dann musste offenbar etwas Wichtiges, etwas Unvorhergesehenes vorgefallen sein. Das konnte mein Vater dann eher verzeihen.

Wie viele Stunden schlafen Sie im Schnitt?
Leider zu wenig. Vielleicht sechs Stunden.

Einmal losgelöst von Beruf des Barkeepers, der ja traditionell nachts seinen Schwerpunkt hat: Was ist Ihre liebste Tageszeit? Und warum?
Meine liebste Tageszeit ist der Morgen. Ich liebe es, in der Frühe laufen oder spazieren zu gehen, wenn die Luft noch gut ist, wenn man noch richtig durchatmen kann.

Sie werden nächstes Jahr 80 Jahre alt. Wie alt fühlen Sie sich?
Ich denke überhaupt nicht ans Alter. Mit gutem Grund: 80 Jahre, das kann sich doch beim besten Willen niemand vorstellen! Ich habe mein ganzes Leben lang immer einfach drauflos gelebt, ohne mir Gedanken über mein Alter zu machen. Was nicht heißt, sich nicht Gedanken über Gesundheit zu machen. Aber diese abstrakte Zahl von 80 Jahren sagt mir einfach nichts.

„Wenn man bis 4 Uhr morgens gearbeitet hat, kann man nicht dauerhaft morgens um 8 wieder unterwegs sein“
Welche Zeit ist die beste in einer Bar? Gibt es eine besondere, magische Uhrzeit?
Schwer zu sagen. Nein, eigentlich ist das jeden Tag anders. Ich arbeite ja immer noch jeden Tag hier – und zwar aktiv und nicht als Grüßonkel, der nur im Anzug herumspaziert. Und ich erlebe es immer wieder, dass jeder Tag unter anderen Bedingungen abläuft. Das hängt unter anderem davon ab, welche Gäste da sind und wie sie gestimmt sind, das hängt aber auch davon ab, ob wir selbst gut drauf sind und zufrieden sind mit dem, was wir abliefern. Auch wenn das wie ein Klischee klingen mag: Für mich ist vor allem wichtig, dass wir unseren eigenen Qualitätsansprüchen genügen. Daran denken wir jeden Tag. Und auch das gelingt nicht immer. Ich würde sagen: Wenn wir an zwei Tagen in der Woche richtig gut sind, dann können wir schon recht zufrieden sein.

Wenn man fast ein halbes Jahrhundert als Barmann gearbeitet hat: Passt man da zeitlich überhaupt noch in die „normale“ Welt?
Das mag vielen Menschen so gehen, die nur nachts arbeiten. Aber mein Tag beginnt inzwischen genauso früh wie der Tag der meisten anderen Menschen, die zum Beispiel im Büro arbeiten. Klar: Wenn man bis 4 Uhr morgens gearbeitet hat, kann man nicht dauerhaft morgens um 8 wieder unterwegs sein. Aber im Schnitt arbeite ich inzwischen meistens bis etwa 1 Uhr morgens und bin dann auch in der Frühe wieder wach.

Zur Person

Charles Schumann

Werden Sie überhaupt noch müde – und wenn ja, was tun Sie dagegen?
Klar, Müdigkeit kenne ich sehr gut – und tendenziell nimmt sie mit dem Alter auch zu. Aber ich kann Müdigkeit erfolgreich mit Sport und Bewegung an der frischen Luft bekämpfen. Und: Ich passe auf mich auf, achte auf meinen Körper.

Wie wichtig ist es, mit der inneren Uhr zu leben?
Schon wichtig, man sollte nicht dauerhaft dagegen arbeiten. Allerdings muss man dazu die innere Uhr erst einmal wahrnehmen. Das gelingt vielen Menschen nicht oder nicht mehr. Umso entscheidender ist es, darauf zu achten, ob die innere Uhr oder der Körper einem Warnsignale zeigen.

Sie sind ein weitgereister Mensch: Fallen Ihnen auf Anhieb Länder ein, die einen anderen Umgang mit dem Thema Zeit haben?
Ich glaube, um das beurteilen zu können, müsste man in einem anderen Land für einen bestimmten Zeitraum leben. Als Tourist, als Flaneur, nimmt man das sonst wahrscheinlich nicht richtig wahr. Ich habe einige Jahre lang in Frankreich gelebt – aber in der Zeit habe ich so wahnsinnig viel gearbeitet, dass ich kaum darauf geachtet habe, ob dort ein anderer Umgang mit der Zeit gepflegt wird (lacht).

Sie dürfen eine Zeitmaschine benutzen. In welche Zeit würden Sie reisen wollen?
Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich wohl eher den Ort als die Zeit wechseln. Ich lebe schon sehr gerne im Hier und Jetzt. Und ich möchte auch ganz bestimmt nicht nochmal 30 Jahre alt sein. Die ganzen Erfahrungen, die man im Leben sammelt, die prägen einen ja und machen einen zu dem, was man heute ist. Daher würde ich vermutlich gar nicht in die Zeitmaschine einsteigen, sondern lieber, wenn ich noch ein paar Jahre zur Verfügung habe, mal ein halbes Jahr hier und ein halbes dort leben.