Moritz Bleibtreu

„Im Theater fühlte ich mich wie in einem Bergwerk

Späte Drehs und dunkle Bühnen sind für Schauspieler Moritz Bleibtreu bis heute eine Herausforderung. An der Nacht fasziniert ihn vor allem eines: Träume. Sie spielen auch bei seinem neuen Film „Cortex" eine entscheidende Rolle, bei dem er erstmals Regie führte. Im Interview spricht der Hamburger über übersinnliche Erlebnisse, Glaube und seine Kindheit im rauen St. Georg
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Herr Bleibtreu, schlafen Sie gut?
Im Moment bin ich zufrieden, aber ich hatte immer wieder Phasen, in denen ich schlecht geschlafen habe. Mein Problem ist vor allem, dass ich schlecht einschlafe, unabhängig davon, wie müde ich bin.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Mein Gehirn kann schwer abschalten, und es ist möglicherweise auch genetisch bedingt. Meine Mutter war keine gute Schläferin, und bei meinem Großvater war es noch schlimmer. Der hat oft nur drei Stunden geschlafen.

Kennen Sie Alpträume?
Oh ja, als Kind waren sie der Horror für mich. Ich musste oft allein einschlafen, weil meine Mutter noch spät im Theater war. Ich erinnere mich an eine Nacht, in der ich, von einem Alptraum aufgeschreckt, zu ihr ins Bett gekrochen bin. Da war ich zehn oder elf. Meine Mutter hat dann zu mir gesagt: „Moritz, hier hast du Buntstifte. Mal jetzt mal auf, was du im Schlaf gesehen hast.“ Es war ein immer wiederkehrender Traum: Ein Mann klettert an der Hausfassade hoch und steht dann vor meinem Bett.

Es gibt Menschen, die haben einen Block auf dem Nachttisch liegen, um ihre Träume sofort aufschreiben zu können.
Ich habe auch schon versucht, ein Traumtagebuch zu führen, weil ich Menschen kenne, bei denen das funktioniert. Bei mir leider nicht. Das muss man trainieren.

„Unser Unterbewusstsein können wir aktiv steuern.“

Sind Sie ein Tag- oder Nachtmensch?
Ein Tagmensch, ganz klar. Ich strebe immer zum Sonnenlicht. Deshalb hat es mich wohl auch nie gereizt, am Theater zu arbeiten. Dort steht man schon morgens auf der dunklen Probebühne und sieht bis zum späten Abend, wenn der Tag in der Kantine ausklingt, kaum das Tageslicht. Schon als Kind habe ich mich am Theater eher unwohl gefühlt, wenn ich meine Mutter begleitet habe. Ich kam mir vor wie in einem Bergwerk. Bis heute mag ich beim Film Nachtdrehs nicht besonders, weil ich es dann immer bedauere, den Tag nicht voll nutzen zu können.

Zum Film

Cortex

Ihr Film „Cortex“, bei dem Sie erstmals auch Regie führen, hat ausgesprochen viele Nachtszenen. Sie spielen einen Mann, der unter Schlafstörungen leidet und irgendwann nicht mehr zwischen Traum und Realität unterscheiden kann.
In diesem Fall waren die Nachtszenen unausweichlich. Da hat sich der Regisseur und Drehbuchautor Moritz Bleibtreu gegenüber seinem Hauptdarsteller durchsetzen müssen (lacht).

Waren Sie erste Wahl für die Rolle?
Nein, ich wollte mich zunächst auf keinen Fall besetzen und habe auch Kollegen zum Casting eingeladen. Doch es fühlte sich nie ganz richtig an, sodass der Produzent irgendwann gesagt hat: Der Bleibtreu macht das jetzt, das spart auch noch Kosten.

Zur Person

Moritz Bleibtreu

Was war Ihre Motivation für so einen ausgefallenen Stoff?
Für mich waren Träume immer das greifbarste Ventil zu allem, was ich übersinnlich nenne. Ich habe von Dingen geträumt, die ich zu dem Zeitpunkt eigentlich noch nicht wissen konnte. Noch ein Beispiel: Ein dir nahestehender Mensch kommt in einem beunruhigenden Traum vor, und am nächsten Morgen hast du das dringende Bedürfnis, ihn sofort anzurufen. Einige sagen: alles Zufall.

Und was denken Sie?
Bestimmt kein Zufall! Ich finde es faszinierend, dass wir über unsere Träume die Möglichkeit erhalten, kleine Türen zum Unerklärlichen zu öffnen – und das in einer Welt, in der zunehmend alles erklärbar, erfassbar und kontrollierbar sein soll. Während wir gerade dabei sind, zwischen Mars und Erde hin- und herzufliegen, wissen wir immer noch sehr wenig über den Zustand, in dem wir einen Großteil unseres Lebens verbringen – den Schlaf und die Träume.

Würden Sie sich als spirituell bezeichnen?
In jedem Fall, sogar als gläubig, allerdings bin ich der letzte, der auf Räucherstäbchen und anderen esoterischen Kram abfährt. Es gibt für mich ein Seelenreich zwischen Himmel und Erde. Und ich kenne niemanden, der mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen würde, dass es einen Gott gibt. Allein das ist für mich der Beweis seiner Existenz. Wir sollten zu einem religiösen Urempfinden zurückkehren, zugleich aber das, was die fünf großen Weltreligionen an Dogmen und Kontrollmechanismen geschaffen haben, sehr kritisch sehen. Ich habe da einen sehr pragmatischen Ansatz: Religion ist Wissenschaft und umgekehrt. In der Wissenschaft findet man überall Nachweise für übersinnliche Dinge.

„Filme sollen unterhalten, aber auch Fragen aufwerfen.“

Glauben Sie, dass wir in unsere Träume aktiv eingreifen können?
Das muss ich nicht glauben. Dafür gibt es jede Menge wissenschaftliche Beweise, die ich auch für meine Geschichte genutzt habe. Der Zustand des luziden Träumens, also des Wachträumens, ermöglicht die aktive Steuerung unseres Unterbewusstseins. Ich kenne Menschen, die sagen, sie könnten jede Nacht Orgien feiern, sie benötigen gar keinen realen Sex. Das Phänomen ist auch aus der Quantenphysik bekannt: Wenn Wasser über einen längeren Zeitpunkt mit bestimmten Klängen beschallt wird, verändert sich die Oberfläche.

Wie entwickelt man daraus einen Kinostoff?
Wenn man intensiv etwas als Realität darstellt, kann dieser Wunsch irgendwann Realität werden. Meine Filmfigur träumt von der anderen Person – und verwandelt sich auf metaphysischer Ebene in diese Person. Das geht im Kino. Die meisten „Bodyswitch“-Filme aus Hollywood, zum Beispiel „Switch – Die Frau im Manne“, sind Komödien. Ich wollte das Thema als Drama angehen.

Der „andere“, jüngere, von Jannis Niewöhner gespielte Mann bewegt sich in einem zwielichtigen Hamburger Milieu. Wie viel hat dieser Niko mit dem realen jungen Moritz Bleibtreu zu tun?
„Cortex“ ist in vielerlei Hinsicht ein sehr persönlicher Film. Niko ist ein introvertierter Kauz, der sich noch nicht gefunden hat und in Gefahr ist, sich gefährlich zu verrennen.

Aus Ihrer Vita ist bekannt, dass Sie ein Schlüsselkind aus dem multikulturellen Hamburger Stadtteil St. Georg waren und Kinder dieses Viertels als Freunde hatten.
Sicher rührt meine Vorliebe für Gangster-Plots daher, und ich werde immer einen engen Bezug zu diesem Milieu haben. Aber im Kern geht es in meinem Film um die Frage: Verstehe ich, wer ich bin? Oder mache ich mir etwas vor? Insofern ist der „Bodyswitch“ vor allem ein Bild für die ungeahnte Energie, die freigesetzt wird, wenn man sich für sich selbst entscheidet. Ich kenne so viele Menschen, die sich das einfach nicht trauen. Und da sehe ich zum Beispiel auch eine Parallele zu meiner Rolle im Film „Lola rennt“: Du kannst in jeder Sekunde alles anders machen.

Mit welcher Konsequenz?
Man hat immer die Freiheit der Entscheidung. Dinge passieren nicht einfach, man allein hat in der Hand, was geschieht. In einer Welt, in der wir damit zugeballert werden, wie wir uns kleiden sollen, was wir konsumieren und denken sollen, wünsche ich mir mehr Individualismus, mehr Ecken und Kanten. Die Gemeinschaft wird durch zu viel Anpassung geschwächt.

Was heißt das für Beziehungen? Radikal trennen oder Kompromisse leben?
Mein Filmpaar widersetzt sich dem Naturgesetz, dass sich Gegensätze anziehen. Ich denke, Karo und Hagen waren sich von Beginn an zu ähnlich. Vielleicht waren sie auch nie so richtig verliebt ineinander, sondern es hat nur gut funktioniert zwischen ihnen. Es dümpelt vor sich hin, und beide verlässt der Mut, noch einmal eine neue Tür im Leben zu öffnen.

Sie sind in Deutschland fest in der ersten Schauspielerreihe etabliert. Hat Sie Ihr Regiedebüt viel Mut gekostet?
Eher viel Arbeit. Die Vorbereitungen haben letztlich zehn Jahre in Anspruch genommen, während ich parallel immer noch an anderen Drehbüchern geschrieben habe. Und nun bin ich genauso Debütant wie der 25-jährige Absolvent einer Filmhochschule. Am Anfang hast du bestimmte Vorstellungen, dann drehst du und triffst Entscheidungen, machst dabei ganz viele Fehler. Es sind schließlich mehr als hundert Menschen beteiligt, vieles verändert sich. Und trotzdem ist es genau der Film, den ich machen wollte.

„Dinge passieren nicht einfach. Man allein hat in der Hand, was geschieht.“

Wie ist das zu verstehen?
Ich habe mir nicht vorgenommen, einen besonders komplizierten Film zu machen, sondern mich mit allen Risiken auf einen Stoff einzulassen, der mir sehr am Herzen liegt. Ich habe meinen Film in erster Linie für mich selbst gemacht und bin glücklich mit dem Ergebnis. Es gibt zwei Pole: Versteht der Zuschauer das jetzt? Und: Ich will das aber so. Da werde ich mich immer für Variante zwei entscheiden. Ich bewundere Filmemacher wie Til Schweiger, die sich darauf einlassen können, genau zu erkunden, was die Zuschauer mögen. Das kann ich gar nicht. Ich mag es, wenn sich Geschichten trauen, ein eigenes Universum und eine andere Sicht auf die Welt zu erschaffen – sei sie noch so verrückt.

Für manche Menschen ist das wahrscheinlich „Kunstkino“ …
Die Filme, die ich mag, liegen genau zwischen Art House und Unterhaltungspark. Mein nächstes Drehbuch, das ich gerne verfilmen möchte, ist zum Beispiel viel unterhaltsamer und zugänglicher als „Cortex“. Ich weiß, dass meine Position angesichts der kommerziellen Entwicklung in unserer Kinolandschaft nicht einfacher wird. Aber ich werde nicht aufhören, den Anspruch zu verfolgen, dass Filme die Zuschauer gut unterhalten und zum Leuchten bringen, aber auch Fragen aufwerfen dürfen.

Sehen Sie Ihre Zukunft vor allem als Filmemacher?
Ich mag vor allem Drehbuchschreiben sehr, es gibt mir das gute Gefühl, mich in meiner Mitte zu bewegen. Gleichzeitig bin ich weiterhin leidenschaftlicher Schauspieler. Nach einer längeren Pause vermisse ich das Spielen total.

Sie haben in ihren Filmen schon so konträre Figuren wie Andreas Baader und Joseph Goebbels verkörpert, zuletzt mit der Gesangsrolle im Udo-Jürgens-Filmmusical „Ich war noch niemals in New York“ überrascht.
Ja, ich kenne diese stereotypen Schlagzeilen: Jetzt muss er noch singen und beweisen wollen, was er alles so drauf hat … Blödsinn! Wer mich besser kennt, war eigentlich nicht überrascht. Das hatte ich vorher noch nie gemacht, ich wollte das gerne ausprobieren, und es hat mir große Freude bereitet. Auch als Schauspieler brauche ich als Motivation die Unsicherheit und die Angst, scheitern zu können. Ich möchte mich auf keinen Fall wiederholen.