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Unsere innere Uhr

Sie hängt nicht an der Wand und umschließt auch nicht das Handgelenk: Die innere Uhr tickt in unserem Körper und koordiniert alle Funktionen. Wie sie unser Leben und unser Verhalten beeinflusst
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Wie wir ticken

Ob wir morgens fit oder müde sind, ob gut oder schlecht gelaunt, hängt von unserer inneren Uhr ab. Sie beeinflusst viele Vorgänge im Körper und kontrolliert den Stoffwechsel. Streng genommen sind wir ein richtiger „Uhrenladen“, denn in jeder Körperzelle tickt eine innere Uhr. Das Licht stellt sie – jeden Tag aufs Neue: Die Information, ob es hell oder dunkel ist, gelangt über den Sehnerv in ein kleines Zentrum im Gehirn und von dort weiter in alle Teile des Körpers. „Das Herz oder der Darm wissen nun, mit welchem Programm sie starten können“, sagt Till Roenneberg. Er ist Professor am Institut für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und beschäftigt sich mit der inneren Uhr.

Hormone und Temperatur

Wir leben nach einem bestimmten Rhythmus, der sich an den Zyklen der Natur orientiert: den Gezeiten, dem Tag, dem Mondmonat und dem Jahr. Weil unsere innere Zeit aber niemals exakt einem 24-Stunden-Tag entspricht, muss sie immer wieder neu gestellt werden. Äußere Veränderungen spiegeln sich auch in unseren Körperfunktionen wider. Die Körpertemperatur steigt morgens, und das Stresshormon Cortisol wird ausgeschüttet, wenn es hell wird. Wir werden wach, aktiv und leistungsfähig. Abends sinkt die Körpertemperatur, und mit zunehmender Dunkelheit wird das Schlafhormon Melatonin ausgeschüttet. Wir werden müde und können uns auf die Nachtruhe vorbereiten. Im Wechsel von Tag und Nacht verändert sich auch das Schmerzempfinden. So sollen Gallenkoliken um Mitternacht am schlimmsten sein.

Das Verschwinden der Nacht

Die Industrialisierung und die Erfindung des künstlichen Lichts haben dazu geführt, dass es auch nachts kaum noch dunkel ist – und wir dem natürlichen Hell-Dunkel-Rhythmus immer weniger folgen. Gleichzeitig sind wir weniger draußen und halten uns in Räumen mit wenig Tageslicht auf. Das führt dazu, dass die inneren Uhren später dran sind und wir später schlafen. Vor hundert Jahren hatten die Menschen um ein Uhr nachts die Hälfte ihres Schlafes hinter sich, heute hat sich das auf etwa halb vier Uhr morgens verschoben. Blaues Licht vom Fernseher oder Smartphone kann zudem zu Problemen beim Einschlafen führen.

Eulen und Lerchen

Der eine steht morgens früh auf, ist topfit, gut gelaunt und besonders leistungsfähig. Abends geht er früh ins Bett. Der andere wacht später auf, schleppt sich grantig zur Arbeit und läuft nachmittags zur Höchstform auf. Erst spät geht er schlafen. „Welcher Zeit- oder Chronotyp wir sind, ob wir zu den nachtaktiven Eulen oder den frühmorgens zwitschernden Lerchen gehören, ist genetisch bedingt“, sagt Professor Roenneberg. Die meisten Menschen liegen irgendwo dazwischen. Im Laufe des Lebens sind die meisten von uns sowohl Eulen als auch Lerchen. Als kleine Kinder werden wir früh wach, in der Pubertät wollen wir später aufstehen und im Alter wieder früher.

Liebe und Partnerschaft

Die Liebe fragt nicht nach Chronotypen. Unsere innere Uhr beeinflusst aber, wann der optimale Zeitpunkt ist, um Sex zu haben. Studien zeigen, dass es sowohl bei der Spermaproduktion als auch bei der Mobilität der Spermien einen Jahresrhythmus gibt.

Jetlag

Kennen Sie das? Nach einem Langstreckenflug geraten Sie völlig aus dem Tritt und fühlen sich elend und müde. „Der Jetlag entsteht, weil wir mit großer Geschwindigkeit von einer Zeitzone in die andere reisen, von einem Sonnenaufgang zum nächsten, ohne dass unsere innere Uhr folgen kann“, sagt Till Roenneberg. Sie braucht für jede überflogene Zeitzone etwa einen Tag, um sich an den neuen Licht-Dunkel-Wechsel anzupassen.

Nachruf auf den Wecker

Wer morgens einen Wecker braucht, hat nicht ausgeschlafen. Und die Regeneration ist nicht abgeschlossen. Doch unser soziales Leben nimmt auf die innere Uhr kaum Rücksicht. Schule und Beruf geben uns einen Takt vor, der oft nicht im Einklang mit unserer inneren Zeit steht. „Das Leben gegen die innere Uhr macht uns dick, dumm und depressiv“, sagt Professor Roenneberg. Bluthochdruck, Herzinfarkt, Diabetes mellitus oder Krebserkrankungen können die Folge sein. „Untersuchungen während der Corona-Krise zeigen aber, dass die Flexibilität beim Arbeitsbeginn unglaublich zunimmt. Die Pandemie wird dazu führen, dass viele Arbeitgeber umdenken“, hofft Professor Roenneberg.

 

Nobelpreis

Die Chronobiologie, die unsere innere Uhr erforscht, ist noch eine recht junge Wissenschaft. 2017 haben drei Forscher für ihre Fortschritte auf diesem Feld den Nobelpreis erhalten. Sie erkannten, dass Gene und Proteine das Uhrwerk in der Zelle steuern. „Die Medizin fängt an, die Chronobiologie zu entdecken. Denn bei der Einnahme von Medikamenten oder bei der Physiotherapie müssen wir beachten, wann es für den Einzelnen am effizientesten ist“, sagt Professor Roenneberg.

 

 

Im Schichtdienst bei der Polizei

Frühdienst, Spätschicht, Nachtdienst – das ist Alltag für Anne Jentsch. Sie ist Oberkommissarin bei der Berliner Polizei. Wie kommt die 29-Jährige damit klar?

Gehören Sie zu den Früh- oder den Spätaufstehern?
ANNE JENTSCH: Ich bin keine Frühaufsteherin, schlafe auch mal gerne bis elf oder zwölf Uhr und starte dann ganz entspannt in den Tag.

Klingelt bei Ihnen der Wecker, wenn Sie Frühdienst haben?
Ja, natürlich. Meine innere Uhr sagt mir nicht um 4:30 Uhr: „Aufstehen, bitte“. Wenn ich früh zur Arbeit muss, gehe ich dementsprechend früh, meist so gegen 21 Uhr, ins Bett.

Wie ist der Schichtdienst bei Ihnen geregelt?
Es ist ein ständiger Wechsel: Früh-, Spät-, Nachtdienst und anschließend ein Ausschlaftag, an welchem ich frei habe. Ich trete meinen Dienst also entweder um 5:30 Uhr, um 10 Uhr oder um 20 Uhr an. Am Wochenende sind die Dienste allerdings länger, die Frühdienste enden später und die Nachtschichten beginnen dementsprechend früher. Natürlich ist es für den Körper und für die Gesundheit eine Belastung. Gerade wenn man morgens aus dem Nachtdienst kommt. Es ist dann sechs Uhr. Und die Umwelt signalisiert etwas anderes, als jetzt schlafen zu gehen. Wenn ich mich morgens zu Hause hinlege, habe ich oft das Gefühl, dass mein Schlaf nicht so tief ist, wie er sein sollte.

Wie äußert sich die Belastung?
Es gibt Nächte, da bin ich sehr lange wach, möchte endlich schlafen und denke: „Und nun?“ Vielleicht bin ich manchmal auch etwas vergesslicher, meine Konzentrationsfähigkeit lässt nach. So ist es schon mal passiert, dass ich an einem Sonntag einkaufen gehen wollte, obwohl alles zu hatte. Zum Glück ist das eher die Ausnahme.

Sie sind derzeit im Bürodienst mit „normalen“ Arbeitszeiten. Was liegt Ihnen mehr?
Ich kann das jetzt gut vergleichen, weil ich davor einige Jahre im Schichtdienst tätig war. Obwohl ich morgens gerne später aufstehe, muss ich sagen, dass mir persönlich der Schichtdienst mehr liegt. Ich habe das Gefühl, dann mehr Zeit zu haben. Da ich im Schichtdienst auch am Wochenende arbeiten muss, habe ich an Wochentagen öfter mal frei, kann Dinge erledigen, die ich sonst an einem Nachmittag nicht schaffen würde. Ich habe mehr Ruhe und nicht so viel Stress, weil nicht gefühlt die halbe Menschheit unterwegs ist. So kann ich meine Oma besuchen und spazieren gehen, entspannt einkaufen oder auch zum Arzt gehen.

Aber Sie leben gegen ihre innere Uhr.
Das stimmt. Es entspricht nicht dem biologischen Rhythmus. Denn ich arbeite, wenn andere schlafen, und schlafe, wenn andere arbeiten. Ich glaube aber, dass man für den Schichtdienst offen sein muss und auch die positiven Seiten sehen sollte. Dazu braucht man – wie im Sport – eine gewisse Motivation, eine positive Sicht und Organisation. Man muss die freie Zeit optimal nutzen und einen Ausgleich finden. Es ist sehr wichtig, etwas für sich und seine Seele zu tun. Ich treibe viel Sport, laufe, gehe spazieren und koche total gern. Im Sommer bin ich viel draußen und mit Freunden unterwegs. Ich plane meine Freizeit um meinen Dienst herum.