Sprechzeit

Was machen Sie nachts, Herr Doktor?

Nacht für Nacht sind tausende Ärzte in ganz Deutschland unterwegs, um schnelle medizinische Hilfe zu leisten. Zwei Ärzte und eine Ärztin haben uns erzählt, was sie dabei erleben – und wieso sie die Arbeit gern machen
„Fälle, die harmlos erscheinen, sind es oftmals nicht.“

Dr. Christian Fleischhauer, Facharzt für Allgemeinmedizin

Nachts bin ich unterwegs und versorge Menschen, die ärztliche Hilfe brauchen. Am Abend finde ich mich im Gefahrenschutzzentrum in Jena ein. Bis zum ersten Einsatz dauert es meist nicht lang. Entweder bin ich mit meinem Team in der Stadt unterwegs – oder im ländlichen Holzlandkreis. Ich habe während des Zivildienstes als Rettungssanitäter gearbeitet, später eine Ausbildung zum Rettungsassistenten gemacht. Nach dem Studium habe ich als Narkose- und Notarzt gearbeitet. Die Erfahrungen, die ich in all diesen Jahren gesammelt habe, helfen mir bei den Einsätzen ungemein. Denn: Fälle, die zunächst harmlos erscheinen, sind es oftmals gar nicht. Man muss auf alles vorbereitet sein. Deshalb habe ich auch eine wichtige Bitte an alle potenziellen Patienten: Es ist uns Ärzten im Bereitschaftsdienst eine große Hilfe, wenn Sie Ihre Medikationspläne, Arztbriefe und Informationen über Vorerkrankungen und Allergien bei unserer Ankunft griffbereit haben.

„Wenn ich einem Kind helfen konnte, hat sich die Fahrt über die Dörfer gelohnt.“

Vivien Plaschke, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe

„Tagsüber arbeite ich als Ärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe. Und nachts? Behandle ich nicht nur Frauen, sondern jeden, der medizinische Hilfe braucht – vom älteren Patienten mit Gallenkolik bis zum Kleinkind mit starkem Schnupfen. Gerade wenn ich einem Kind helfen kann – oftmals schon mit einfachen Mitteln –, weiß ich, dass sich die Fahrt über die Dörfer gelohnt hat. Kontakt zu den Menschen haben, ihre gesundheitlichen Probleme lindern, ihre Dankbarkeit spüren: Das ist es, was die Arbeit im Bereitschaftsdienst für mich so erfüllend macht. Hinzu kommt: Ich befasse mich mit medizinischen Fachgebieten, mit denen ich tagsüber weniger in Kontakt komme. So lerne ich bei jedem Bereitschaftsdienst dazu und entwickle mich als Ärztin weiter.“

„Ich betrete die heiligen Hallen meiner Patienten.“

Dr. Benjamin Möpert, Allgemeinmediziner und Hausarzt

Während meines Bereitschaftsdienstes sitze ich natürlich nicht wach vor meinem Telefon. Wenn immer möglich, versuche ich zu schlafen. Kommt dann ein Anruf, spreche ich zunächst mit dem Patienten und finde heraus, wie ernst die medizinische Situation ist. Oft kann ich dem Anrufer bereits durch eine telefonische Beratung helfen. Wenn nötig, fahre ich selbstverständlich auch nachts zum Hausbesuch. In unserem großen Landkreis in Brandenburg kann die Strecke bis zum Patienten bis zu 60 Kilometer betragen. Dann bin ich schon einmal die halbe Nacht für einen Einsatz unterwegs. Derzeit sind wir besonders aufmerksam, wenn es um mögliche Corona-Infektionen geht. Doch im Bereitschaftsdienst begegnen mir die verschiedensten medizinischen Fälle – vom Zeckenbiss bis zum Herzinfarkt. Das macht meine Arbeit auch so spannend. Die Besuche sind fast immer etwas Besonderes. Denn ich betrete die heiligen Hallen der Menschen, häufig sogar ihre Schlafzimmer.