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Freunde bleiben – nein danke?

Seit 20 Jahren haben sie kein Wort mehr miteinander gesprochen. Ihre Freundschaft war einfach zu Ende: ohne ein Wort, ohne eine Erklärung. Doch warum enden Freundschaften?
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Manche Freundschaften halten ein Leben lang, andere zerbrechen. Man lebt sich auseinander, hört auf, sich zu treffen, und verliert sich aus den Augen. Manchmal ist auch das Vertrauen zerstört. Zeit, um Schluss zu machen. Wie das in einer Liebesbeziehung geht, erfahren wir in unzähligen Filmen und Büchern. Doch wie ist das bei Freunden? „In vielen Fällen werden Freundschaften nicht explizit beendet“, schreibt der Psychologe Horst Heidbrink. Das war auch bei Heike und Sabine so.

Wie alles begann

Ein Freund machte sie Anfang der 1980er Jahre miteinander bekannt – besser gesagt gab er ihnen die Adresse der jeweils anderen. Heike studierte damals in Leipzig, Sabine in München. Beide wollten Journalistin werden. Deutschland war noch geteilt und eine Freundschaft über die Grenze hinweg ziemlich schwierig. Der Kontakt zum sogenannten Klassenfeind konnte für Heike den Verlust des Studien- und später des Arbeitsplatzes bedeuten. Für Sabine war die Einreise in die DDR mit Schikanen an der Grenze, manchmal auch langen Verhören verbunden – und mit dem Zwangsumtausch: Für 25 D-Mark gab es 25 Ostmark. Doch davon ließen sich die beiden nicht abschrecken. Sie schrieben sich Briefe und trafen sich regelmäßig in Ost-Berlin.

Heike war mit 18 Jahren in die SED eingetreten, die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands. Sie war nicht mit allem in der DDR einverstanden, aber auch keine Oppositionelle. Für Sabine war das kein Problem. Auch nicht, wenn sie das Thema Reisefreiheit ansprach und von Heike die Antwort bekam: „Solange ich das sozialistische Ausland nicht kenne, muss ich das kapitalistische nicht bereisen.“ Nach dem Studium ging Heike zum Fernsehen der DDR und zog nach Ost-Berlin. Sabine begann ein Volontariat bei einem Radiosender in West-Berlin. Keine der beiden glaubte daran, dass die Mauer eines Tages fallen würde. Auch nicht, als im Herbst 1989 Tausende in Leipzig auf die Straße gingen und „Wir sind das Volk“ skandierten. Heike und Sabine war damals ziemlich mulmig zumute. Wenn sie sich abends in Ost-Berlin trafen und umherliefen, sahen sie in den Straßen Panzer stehen. Die Angst vor der Gewalt des Staates war überall zu spüren.

Wie alles endete

Am 10. November 1989 – ein Tag nach dem Mauerfall – stand Heike zum ersten Mal vor der Wohnungstür von Sabine in West-Berlin. Ihre Worte: „Das ist das Ende der DDR.“ Einige Wochen später feierten sie zum ersten Mal Silvester zusammen. Kurz darauf machte Heike Urlaub in Tunesien. Sabine wunderte sich über das Reiseziel ihrer Freundin. Auch beruflich ging es für Heike voran. Sie rezensierte nun Spielfilme, fuhr zu den Festivals nach Cannes und Venedig. Sabine zog es beruflich dagegen nach Osteuropa. Ihre Lebenswege trennten sich immer mehr. Und ihre Freundschaft blieb nicht unberührt von der Stimmung jener Jahre: Im Westen sprach man von den Wendehälsen und Jammerossis, im Osten von den Besserwessis. Die Berichte über Freunde und Verwandte, die sich in der DDR gegenseitig bespitzelt hatten, führten bei Sabine zu einem gewissen Misstrauen gegenüber Heike: Hatte sie vielleicht auch gespitzelt? Angesprochen hat Sabine das nie. Als Heike schließlich nicht zu ihrer großen Geburtstagsparty kam, weil sie lieber zur Weltausstellung fahren wollte, war Sabine maßlos enttäuscht. Ihr wurde aber auch klar, dass sie nicht mehr in das Leben von Heike passte. Und Heike nicht mehr in ihres.

Warum eine Freundschaft endet

Psychologen haben festgestellt, dass der Verlust von Freundinnen und Freunden häufig mit Veränderungen in den Lebensumständen einhergeht. Zum Beispiel durch eine Heirat, die Geburt eines Kindes oder weil man nicht mehr in derselben Stadt wohnt. Auch Neid, Kränkungen und verlorenes Vertrauen können Gründe dafür sein, dass die Freundschaft zerbricht. Etwa jede zweite endet nach sieben Jahren, fand der Soziologe Gerald Mollenhorst von der Universität Utrecht heraus. Man passt nicht mehr zusammen. Die meisten ziehen sich dann einfach zurück und melden sich nicht mehr – statt zu sagen, was los ist. Und sie suchen sich neue Freunde. Ein stiller Rückzug kann manchmal sogar besser sein als ein letztes Gespräch mit gegenseitigen Vorwürfen. „Man hält sich die Option offen, die Freundschaft irgendwann noch einmal aufleben zu lassen“, erklärte der Psychologe Wolfgang Krüger in einem Interview.