Arztroman

Freunde für immer

Ein Arztroman von Rebecca Michéle
Lesezeit: 5 Minuten

Frau Doktor Wiesner ist jetzt da, Herr Doktor.«

»Danke, Betty. Schicken Sie sie gern rein.« Alexander ließ die Taste der Gegensprechanlage los und stand auf, um seiner neuen Kollegin entgegenzugehen.

Eine mittelgroße Frau mit einem sportlichen Kurzhaarschnitt trat in das Sprechzimmer.

»Frau Doktor Wiesner! Haben Sie gut hergefunden?«

»Selbstverständlich. Der beliebteste Frauenarzt der Stadt ist allgemein bekannt«, sagte sie augenzwinkernd.

Alexander lächelte. »Deswegen benötige ich ja Unterstützung, die ich in Ihnen gefunden habe.« Da die Ärztin in ihrer Bewerbung einen Wohnort in einem anderen Bundesland angegeben hatte, fragte Alexander: »Haben Sie bereits eine Unterkunft gefunden, Frau Kollegin?«

»Die Dachgeschosswohnung im Haus meiner Eltern stand leer. Ich wohne jetzt wieder im Marderweg.«

»Marderweg?« Alexander runzelte die Stirn. »Aber …«

»Genau bei dir gegenüber, Alex.« Sie schmunzelte. »Wie früher.«

Alexander war baff, dann erinnerte er sich.

»Kathrin? Du bist Kathrin Schwab! Meine Güte, ich habe dich nicht erkannt. Du hattest doch immer eine Brille, und dein Haar ist anders.«

»Inzwischen trage ich Kontaktlinsen.« Mit der Rechten fuhr sie sich durch den rot-blonden Kurzhaarschnitt. »Und mein Straßenköterblond habe ich etwas aufgepeppt. Wobei ich dachte, du würdest bei meiner Bewerbung wissen, wer künftig mit dir zusammenarbeiten möchte, auch wenn wir uns über zwanzig Jahre nicht gesehen haben. Ich hatte doch ein Foto beigefügt.«

»Dem Bild habe ich nur flüchtige Aufmerksamkeit geschenkt«, gab Alexander zu. »Deine erstklassigen Qualifikationen haben mich mehr interessiert. Du bist also auch Gynäkologin geworden.«

Kathrin nickte. »Es ist mein Traumberuf, und nach mehreren Jahren in einem großen Klinikum freue ich mich sehr auf die neue Tätigkeit.«

»Du bist verheiratet?«, fragte Alexander. »Wegen deines Namens …«

Kathrin winkte ab. »Geschieden. Und du? Frau, Kinder, Hund?«

Nun lachte Alexander. »Nichts davon. Irgendwie fehlte mir bisher die Zeit, um eine Frau kennenzulernen, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen möchte.«

»Da ich dir künftig einen Teil der Patientinnen abnehme, kann es ja noch werden.« Kathrin berührte ihn leicht am Arm. »Erinnerst du dich, dass wir uns einst versprochen haben zu heiraten?«

»Wie alt waren wir damals? Zehn, elf Jahre?«

»Eher acht … Bald darauf trennten sich unsere Wege.«

Alexander musterte seine frühere Freundin. Als Kind war sie niedlich gewesen, heute eine attraktive Frau.

»Lass uns das Wiedersehen mit einem Abendessen feiern«, schlug er vor.

»Und unsere künftige Zusammenarbeit«, erwiderte Kathrin. »Zeigst du mir jetzt bitte die Praxis?«

Nachdem der Ober des italienischen Restaurants zwei Gläser Chianti serviert hatte, stießen sie miteinander an.

»Erzähl erst du«, forderte Kathrin ihn auf.

In knappen Sätzen berichtete Alexander von seinem Studium, der Zeit der Weiterbildung und seiner Entscheidung, eine Praxis in seiner Heimatstadt zu übernehmen. Dann war Kathrin an der Reihe.

»Mein Ex-Mann war ebenfalls Arzt. Chirurg. Wir dachten, es wäre für immer. Dann drifteten unsere Ansichten immer weiter auseinander. Schließlich hatten wir uns kaum noch was zu sagen.«

»Habt ihr Kinder?« Unwillkürlich griff er nach ihrer Hand.

Kathrin verneinte. »Das machte die Trennung schnell und einfach.«

Seine Hand zu halten, war vertraut und gab Kathrin das Gefühl von Geborgenheit. Alexander war älter geworden, erste graue Strähnen durchzogen sein dunkles Haar und den gepflegten Dreitagebart. Um seine braunen Augen spielten kleine Lachfältchen.

Alexander bewegten ähnliche Gedanken. Jetzt, Kathrin gegenübersitzend, verstand er nicht, warum er sie nicht sofort erkannt hatte. Er erinnerte sich an ihre gemeinsamen Streifzüge durch den Wald, Hand in Hand, um die Tiere zu beobachten. Wenn die Bäume sehr dicht gewesen waren und das Sonnenlicht kaum den Boden erreichte, hatte sich Kathrin an ihn geschmiegt und gesagt: »Du bist mein Beschützer.« Alexander hatte sich wie ein Held gefühlt. Glücklicherweise waren sie nie in eine Situation geraten, in der er ein Held hätte sein müssen.

»Vielleicht hätten wir unser Versprechen nicht vergessen und einander heiraten sollen«, murmelte Alexander. »Wir kannten uns in- und auswendig.«

»Vielleicht …«

Als sie aufbrachen, half er ihr in den Wollmantel. Draußen schlug ihnen ein kalter Wind, gemischt mit Graupelschauern, entgegen. Kathrin schauerte und zog den Mantelkragen enger an ihren Hals.

»Ist dir kalt?«, fragte Alexander.

»Ich bin nicht aus Zucker.« Sie lächelte. Das Licht der Straßenlampe zauberte kleine silberne Sprenkel in ihre Augen.

Alexander breitete die Arme aus. »Ich kann dich wärmen.«

Sie schmiegte sich an ihn. Wie selbstverständlich fanden sich ihre Lippen. Als sie sich voneinander lösten, trat Kathrin einen Schritt zurück und wirkte verunsichert.

»Entschuldige«, sagte Alexander. »Ich wollte dich nicht überrumpeln.«

»Das ist es nicht«, erwiderte Kathrin. »Es ist nur so …« Sie suchte nach den richtigen Worten. »Dein Kuss war sehr schön, vertraut, gleichzeitig jedoch …« Sie zögerte erneut. »Ich hatte das Gefühl, meinen besten Freund zu küssen, jemanden, der mir sehr wichtig ist, den ich aber nur platonisch liebe.«

Ohne dass es Alexander zuvor bewusst gewesen war, fühlte er sich erleichtert. »Ich verstehe dich sehr gut«, sagte er leise.

Kathrin lachte und hakte sich bei Alexander unter.

»Wir sind keine Kinder mehr, Alex. Was früher war, werden wir nie vergessen, und ich freue mich darauf, mit dir zusammenzuarbeiten. Mehr jedoch …« Sie brach ab, wirkte verlegen.

»Mir geht es ebenso«, stimmte Alexander zu.

Die Sommerparty war in vollem Gange, als Kathrin in den Garten trat. Vier Dutzend Menschen standen lachend zusammen, vom Grill am Ende der Wiese wehte ein köstlicher Duft hinüber.

Mit ausgebreiteten Armen kam ihr Alexander entgegen. »Schön, dass du hier bist.«

Sie umarmten und küssten sich auf die Wangen. Neben Alexander trat eine blonde Frau und reichte Kathrin die Hand.

»Hallo, ich bin Anja. Ich freue mich, dich kennenzulernen, Kathrin. Alex spricht viel von dir.«

Alexander legte einen Arm um die Schultern seiner Freundin. »Kein Grund, eifersüchtig zu sein, Schatz.«

Kathrin lachte. »Nein, wirklich nicht, Anja. Alex und ich kennen uns schon ewig. Wir sind nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde. Als Mann allerdings …« Vielsagend zog sie eine Augenbraue hoch.

Scherzhaft drohte Alexander mit dem Finger. »Na, na!«

Kathrin stupste ihn in die Seite, sagte aber ernst: »Ich bin glücklich, dich als besten Freund zu haben. Wer meint, dass es zwischen Frau und Mann keine wahre Freundschaft geben kann, hat es nur noch nie selbst erlebt.«

»Schade, dass Steffen nicht kommen kann«, sagte Alexander.

»Ich wusste, auf was ich mich einlasse, als ich mich in einen Architekten verliebte«, erwiderte Kathrin. »Derzeit plant er einen Klinikneubau in Lissabon. Jetzt lass uns feiern, Alex. Du wirst schließlich nur einmal vierzig.«

Alexander bot beiden Frauen seine Arme an. Anja hängte sich rechts, Kathrin links bei ihm ein. Gemeinsam gingen sie zur Sekt- und Saftbar, und Kathrin fühlte sich rundherum zufrieden und glücklich.