Freundinnen im Interview

Freundschaft kennt kein Alter

Die beiden Künstlerinnen Eva-Maria Schön und Nanne Meyer, heute 72 und 67 Jahre alt, kennen sich seit 1982. Im Gespräch erzählen sie von gemeinsamen Erlebnissen und einem Projekt, das ihre Freundschaft lebendig hält
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Frau Schön, Frau Meyer, wie und wann haben Sie sich kennengelernt?

Nanne Meyer: Das erste Mal haben wir uns 1982 in Florenz gesehen, als du, Eva-Maria, ein Stipendium in der Villa Romana (Anm. d. Red.: Florentinisches Künstlerhaus) hattest. Ich kam mit meinem damaligen Freund in die Villa Romana, um eine andere Bekannte zu besuchen. So haben Eva-Maria und ich uns getroffen und lange unterhalten, uns danach aber wieder aus den Augen verloren. 1987 dann kam ich mit einem Stipendium nach Rom. Zu dieser Zeit gab es in der Stadt eine Ausstellung „Künstler aus Berlin“, bei der auch Eva-Maria dabei war. Ich fuhr hin, mit dem Ziel, sie einzuladen. Das hat funktioniert: Zusammen mit einem befreundeten Künstlerehepaar besuchte sie mich im Atelier. Ich hatte mit einem etwa zweistündigen Besuch gerechnet. Es wurde ein ganzer Tag daraus. Wir lachten und hatten uns so viel zu erzählen.

Eva-Maria Schön: An diesen Tag in Rom erinnere ich mich auch noch sehr gut. Ich hatte Lust, dich, Nanne, als eine temperamentvolle Person näher kennenzulernen. Seitdem haben wir uns nicht nur immer wieder getroffen und telefoniert. Auch die Arbeit verbindet: Wenn ich eine Zeichnung von Nanne in einer Ausstellung sehe, ist sie direkt dabei. Das ist eine wunderbare Erweiterung, wenn man von Künstlerin zu Künstlerin befreundet ist.

„Toll, dass man so herrlich absurd sein darf“

Frau Schön, Sie zogen 1980 nach Berlin, Frau Meyer, Sie kamen später nach. Wurde Ihre Freundschaft durch das Leben in der gleichen Stadt intensiver?

Meyer: Ich lebte nach meiner Zeit in Rom noch fünf Jahre in Frankfurt. Auch da erinnere mich schon an Besuche von dir, liebe Eva.

Schön: Ja, wir hatten auch schon intensiven Kontakt, bevor Nanne mit Walter Zimmermann 1993 nach Berlin kam …

Meyer: … Das war toll, wir konnten in der Übergangszeit, als unsere Wohnung noch nicht fertig renoviert war, bei Eva-Maria und ihrem Mann wohnen. Unseren Anfang in Berlin erlebten wir so gemeinsam.

Wie haben Sie Berlin zur Nachwendezeit gemeinsam erlebt?

Meyer: Wir sind zusammen umhergezogen und ich erinnere mich, dass es in den Ruinen des ehemaligen Ostteils der Stadt lauter verrückte Cafés und kleine Bars von jungen Leuten gab. Wir waren damals in unseren Vierzigern, noch bedeutend jünger als heute, aber trotzdem schon die „Oldies“. Ich erinnere mich, wie wir dort irgendwelche Schnäpse tranken, wie wir auf improvisierten Hockern saßen und uns schieflachten.

Zu den Personen

Nanne Meyer & Eva-Maria Schön

Wie haben sich persönliche Veränderungen auf Ihre Freundschaft ausgewirkt?

Meyer: Als ich an der Kunsthochschule Weißensee eine Professur bekam, erlebte ich auch dort die Wende sehr intensiv. Ich war froh, dass ich dort genau zu diesem Zeitpunkt an dieser zentralen Stelle arbeiten konnte. Aber es hat mich auch stark absorbiert, sodass ich wenig Zeit hatte. Ich hatte das Gefühl: auch für Freundschaften.

Schön: Das habe ich nicht so empfunden. Ich selbst war ja auch viel da und dort. Das hat für uns keine Rolle gespielt. Ich fand immer interessant, was du von deiner Lehre erzählt hast. Und es ist doch auch gut, wenn in einer Freundschaft jeder von beiden etwas erlebt und nach einer Pause wieder etwas zu berichten hat.

Meyer: Aufforderungen wie „Meld′ dich doch mal“ oder Vorwürfe gab es zwischen uns in der Tat nie.

Schön: Ich finde nicht, dass es in einer Freundschaft Regelmäßigkeit braucht. Die hatten wir nie – erst in den vergangenen zehn Jahren, in denen wir begonnen haben, uns regelmäßig Postkarten zu schreiben.

Verändert sich da also mit dem Älterwerden etwas in Ihrer Freundschaft?

Schön: Ich würde sagen, nein. Im Gegenteil, Nanne: Ich fühle mich jugendlich inspiriert durch deine Postkarten. Sie stoßen etwas bei mir an, auf das ich unabhängig vom Stand meiner aktuellen Arbeiten als Künstlerin reagiere – das lässt mich nicht älter werden, sondern verjüngt mich eher. Als Freundin ist jede deiner Karten eine Aufforderung, auf die ich geradezu leichtfüßig antworten kann.

Was sind typische Inhalte auf dem begrenzten Platz der Postkarte?

Meyer: Es ist eine persönliche, aber keine private Korrespondenz, kein persönliches Jammertal. Es ist uns auch wichtig, dass die Karten per Post verschickt werden, also den öffentlichen Weg nehmen. Und in unserer Ausstellung konnte ja jeder die Bilder sehen und die Texte lesen. Die Besucher haben uns die Rückmeldung gegeben, dass auch Außenstehende unsere Botschaften entschlüsseln können. Darunter sind auch mal aktuelle Anspielungen, etwa auf Corona – aber subtil.

Schön: Text und Bild sind eng miteinander verknüpft. Die Aktualität ist natürlich immer präsent. Gerade während der Pandemie sehe ich den Ernst in Nannes Karten immer durchscheinen. Durch Corona wird der Zeitraum kürzer, wir schicken uns zurzeit fast wöchentlich Karten. Da ist es besonders wichtig, dass die Karte kurz Bezug nimmt auf das, was Nanne geschickt hat. Zum Beispiel, dass ich bestimmte Dinge erst auf den zweiten Blick sehe: Was zunächst eine Küstenlandschaft war, wird etwa durch ein entdecktes Auge zu einem menschlichen Profil. Das finde ich jedes Mal köstlich.

Gibt es typische „Formeln“ in den Bildern oder Texten Ihrer Freundin, die Sie besonders schätzen?

Meyer: Manche Karten sind so lustig. Wenn ich eine Karte bekomme, ist das für mich wie ein Lichtfunken im grauen Alltag. Eigentlich sind sie nicht aufwendig zu machen, bringen viel Spaß und Anregung, lassen mich staunen. Was ich an unserem Projekt toll finde, ist, dass man so herrlich absurd sein darf. Würde ich meine Karten jemand anderem schicken, könnte er denken: „Jetzt ist sie völlig durchgeknallt.“ Die Korrespondenz strengt nicht an. Es sprudelt einfach. Man kann machen, was man will – zum Beispiel eine Kunstpostkarte mit einer 2.400 Jahre alten Statue, über die ich einfach drübermale, was man sonst aus Respekt nie machen würde. Wir verstehen, was gemeint ist. Und das beschreiben wir auf der Rückseite. Es gibt immer ein Bild und dazu einen Kommentar, der aber nicht unbedingt erklärt. Und das ereignet sich alles auf sehr begrenztem Raum.

Schön: Durch deine Schnitte von Materialien und das neue Zusammenfügen tritt auch dein ganz eigener Humor zutage. Das mag ich an dir: eine freiheitliche Art, über Sprache und Bild zu denken. Ich antworte dir so gern, weil es Spaß macht, direkt zu reagieren, ohne zu überlegen, was man selbst zuvor geschrieben hat. Das nimmt dem Ganzen jede Anstrengung.

Die Postkarten machen Ihnen gerade in Zeiten der Isolation durch Corona besonders viel Freude. Welche weiteren Kommunikationswege nutzen Sie gemeinsam?

Schön: Mal telefonieren wir – ich selbst greife noch ganz traditionell zum normalen Telefon, statt am Computer per Video zu telefonieren. Nanne ist digitaler. Wir treffen uns auch gern, etwa zu schönen Wanderungen in der Uckermark, wo sie zur Pandemiezeit hauptsächlich wohnt.

Meyer: Und wir unternehmen auch gemeinsam Ausstellungsbesuche, die wir „Betriebsausflüge“ nennen.

Schön: So sind wir einmal etwa im Garten von Schillers Sommerhaus in Jena gelandet und haben dort unter einem Quittenbaum gesessen. Wunderbar!