Essay

Freundschaft!

Im Norden, Süden und Westen der Republik steht Freundschaft für eine Verbindung zwischen zwei Menschen. In den Ländern der ehemaligen DDR hat der Begriff bis heute auch eine zweite Bedeutung. Schriftsteller Thomas Brussig, der seine Kindheit im Osten Berlins verbrachte, blickt zurück
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Jeder, der in der DDR aufgewachsen ist, wird sich an Fahnenappelle erinnern – welche damit begannen, dass ein Lehrer die Pioniere, also die Kinder der ersten bis siebten Klasse, mit dem Pioniergruß „Für Frieden und Sozialismus – seid bereit!“ begrüßte, woraufhin ihm ein Chor heller Kinderstimmen „Immer bereit!“ entgegenschallte. Sodann wurden die achten bis zehnten Klassen mit dem FDJ-Gruß „Freundschaft!“ begrüßt, der mit einem Chor deutlich tieferer, erkennbar männlicherer Stimmen erwidert wurde: „Freundschaft!“

Die Grußformel „Freundschaft!“ mag seltsam sein, aber sie ist nicht seltsamer als „Guten Tag!“, der Gruß, der auch an Tagen benutzt wird, die alles andere als gute Tage sind.

Mit dem Wort Freundschaft sind so tiefe Sehnsuchtsgefühle und so schöne Erfahrungen verknüpft, dass Versuche, diesen Begriff politisch zu instrumentalisieren, fast logisch sind.

In der DDR wurden der Freundschaft zu Ehren Straßen und Plätze, Alleen und Stadien benannt. Spätestens mit der Schiffstaufe des Kreuzfahrtschiffes „Völkerfreundschaft“ kam ans Licht, dass das „Stadion der Freundschaft“ oder die „Straße der Freundschaft“ nicht die übliche Freundschaft zwischen Menschen meinte, sondern die Freundschaft zwischen den Völkern.

„Die Grußformel ‚Freundschaft!‘ mag seltsam sein, aber sie ist nicht seltsamer als ‚Guten Tag!‘“

Die Idee einer „Völkerfreundschaft“ hat eine lebensfremde Romantik, denn sie unterschlägt die schlichte Tatsache, dass es in jedem Volk, dem eigenen wie den anderen, nicht nur Menschen gibt, mit denen ich sehr gut befreundet sein könnte, sondern auch solche, die ganz unausstehlich sind und niemals meine Freunde werden. Die Idee einer Völkerfreundschaft entsprang vermutlich einem frommen „Alle-Menschen-werden-Brüder“-Wunsch, der nach dem Krieg in den Zeiten des Wiederaufbaus populär wurde und der das Zeitalter von Nationalismus, Imperialismus und Rassenhass hinter sich lassen wollte.

Sie entsprang aber nur zur Hälfte jenem frommen Wunsch; zur anderen Hälfte war die „Völkerfreundschaft“ eine nette Propagandalüge. Denn dem Kleingedruckten zufolge sollte Freundschaft nur zu den kommunistisch regierten Völkern bestehen, oder zu denen, die sich im Kampf um ihre nationale Unabhängigkeit befanden. Während also auf die Freundschaft zum französischen, australischen oder kanadischen Volk kein Wert gelegt wurde, war das etwas ganz anderes, wenn es um das kubanische, bulgarische oder ungarische Volk ging, oder gar um „die Völker der Sowjetunion“. Das Verhältnis zu letzteren sollte nicht nur von Freundschaft durchtränkt, nein, da durfte sogar „Liebe“ im Spiel sein.

Dass viele der nach der Freundschaft benannten Straßen, Plätze, Stadien usw. nach 1990 nicht umbenannt wurden, hat gewiss auch damit zu tun, dass wir uns lieber die Romantik einer Völkerfreundschaft bewahren, als dass wir uns durch flächendeckende Umbenennung dem Verdacht aussetzen, die Völkerfreundschaft könne uns mal. Die Realität ist trist genug; die Völker der Sowjetunion, die einst geliebt werden sollten, sind heute verfeindet und leben in Einzelstaaten, von denen manche sogar Krieg gegeneinander führen.

„Dass Deutschland und Frankreich Freunde wurden, ist den jeweiligen Regierenden zu verdanken.“
Zur Person

Thomas Brussig

Dass Völker oder Staaten Freundschaft pflegen, ist natürlich eine Metapher. Es sind die Regierenden, die Staatenlenker, die für die Beziehungen verantwortlich sind. Dass Deutschland und Frankreich, nachdem sie sich über Generationen hinweg als „Erbfeinde“ betrachteten, zu „Freunden“ wurden, ist – in beiden Fällen – den jeweiligen Regierungen zu verdanken.

Dass Staaten und Völker zu freundschaftlichen Beziehungen gelangen, ist vermutlich gar nicht so schwer. Vielleicht gehört dazu nicht mehr, als die Interessen der anderen zu respektieren. Wie die beteiligten Politiker sich persönlich gesonnen sind, mag im Moment nicht unwichtig sein, aber doch wird es überschätzt. Dass sich Helmut Kohl und Michail Gorbatschow gemocht haben, hat das deutsch-russische Verhältnis nicht dauerhaft bereinigt, und dass sich Angela Merkel mit Theresa May gut verstanden haben dürfte, hat die Entfremdung der Briten von Deutschland und Europa auch nicht aufgehalten.

„Was sind das denn für Menschen, die Beziehungen haben / betrachten die sich denn als Staaten“, sang einst Heinz Rudolf Kunze. Genau. Beziehungen sind was für Staaten, Freundschaften hingegen sind was für glückliche Menschen.