Sprechzeit

„In Freundschaften muss die Balance stimmen“

Interview mit Psychotherapeutin Janne Twenhöfel: über Freundschaften, die uns guttun, und solche, die uns schaden – und warum Freunde nicht die Therapeutenrolle spielen sollten
Lesezeit: 6 Minuten

Frau Twenhöfel, wie wichtig sind Freundschaften für unsere Gesundheit?

Freundschaften sind für unsere Gesundheit extrem wichtig, zum Beispiel für unser psychisches Gleichgewicht. Die meisten Menschen verspüren einen Wunsch nach sozialen Kontakten und haben ein starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft. Das ist auch evolutionspsychologisch begründet: Die Gruppe bietet Schutz und Unterstützung. Wenn wir uns nicht mit anderen verbunden fühlen, kann dieses Mangelgefühl krank machen.

 

Wann sind Freundschaften besonders wichtig?

In der frühen Kindheit genauso wie im hohen Alter: Grundsätzlich ist es in allen Lebensphasen wichtig, einige gute Kontakte zu pflegen und im Austausch zu sein. Dabei ist es mir in meiner psychotherapeutischen Praxis wichtig, über die Unterschiede zwischen Alleinsein und Einsamkeit aufzuklären.

„Mit sich allein zu sein, kann als wohltuend empfunden werden.“

Worin liegen die?

Alleinsein ist ein körperlicher Zustand. Mit sich allein zu sein, Ruhe und Kontakt zu sich selbst zu finden, kann auch als wohltuend empfunden werden; gerade in diesen Zeiten, wo viele Familien zusammen in engen Wohnungen sitzen. Ob ich nun Sport treibe oder eine Serie anschaue – allein kann ich ohne Druck Dinge tun, die gut für mich sind.

 

Was ist dann Einsamkeit?

Einsamkeit ist ein emotionaler, ein psychischer Zustand, der als quälend empfunden wird. Einsamkeit ist unabhängig davon, ob Menschen um einen herum sind. Auch in der Gruppe kann man sich einsam und unverstanden fühlen, das hat sehr viel mit subjektivem Empfinden zu tun. Bei chronischer Einsamkeit und einem Mangel an Kontakten beschreiben manche Patientinnen und Patienten sogar ein Schmerzgefühl, andere eine tiefe Erschöpfung.

 

Wann ist aus Ihrer Sicht eine Psychotherapie sinnvoll?

Immer dann, wenn jemand leidet. Wenn jemand zum Beispiel nicht den Mut hat, auf andere zuzugehen, und sich so sein Bedürfnis nach Nähe nicht erfüllen kann, entsteht aus diesem unerfüllten Wunsch hoher Leidensdruck. Dieser kann in einer psychischen Erkrankung wie einer Depression oder einer Angststörung münden. Auf der körperlichen Ebene treten Schlafstörungen und Appetitstörungen auf. Das kann so weit gehen, dass das Risiko für ernsthafte Erkrankungen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt steigt.

 

Wie hängt das zusammen?

Manchmal auch damit, dass Menschen, die sich einsam und niedergeschlagen fühlen, keine gute Selbstfürsorge betreiben. Sie vernachlässigen beispielsweise Ernährung und Bewegung, konsumieren vielleicht zu viel Alkohol, empfinden weniger Lebensfreude. Es gibt sogar Studien, die besagen, dass chronische Einsamkeit einen negativen Einfluss auf die Lebensdauer hat. Wichtig ist aber: Nicht jeder, der sich einsam fühlt, wird depressiv.

 

Wo setzt denn eine Psychotherapie an?

Wir fragen: Warum fällt es jemandem schwer, in Kontakt zu treten? Was sind die inneren Hemmungen? „Ich bin uninteressant“, „Ich bin anstrengend“, „Ich bin nicht liebenswert“: Solche negativen Glaubenssätze entwickeln viele in der frühen Kindheit. Und sie können uns als Erwachsene in unseren Beziehungen blockieren. Die Psychotherapie setzt darauf, diese Gedanken zu identifizieren und aufzulösen. In einer Psychotherapie können wir aber auch unsere Beziehungen und eigene schwierige Verhaltensweisen hinterfragen, die uns immer wieder in Konflikte stürzen. Und wir können soziale Fertigkeiten trainieren, die uns helfen, Kontakte aufzubauen und Beziehungen bedürfnisgerecht zu gestalten.

 

Können Freundinnen und Freunde auch eine Therapeutenrolle übernehmen?

Nein, das sollten sie auch gar nicht. Gegenseitige Unterstützung und Ratschläge gehören unter Freunden sicher dazu. Wenn aber Themen immer wieder kommen, sich das Leiden verschlimmert – dann belastet das beide Seiten. Als Therapeutin übernehme ich hingegen eine neutrale und wertungsfreie Position, sodass sich Patientinnen und Patienten fallen lassen und Themen ansprechen können, über die man sich sonst nicht zu sprechen traut.

„Enge Beziehungen in Kindheit und Jugend sind prägend.“ “

Wenn wir über die frühe Kindheit sprechen: Wie prägend sind Sandkastenfreundschaften?

In diesen Beziehungen erwerben wir unsere Sozialkompetenz und unser moralisches Bewusstsein: Was ist wichtig, was ist richtig? In der Jugendphase bilden wir unsere Identität heraus. Dann ist es besonders wichtig, in Freundschaften, aber auch durch unsere Eltern akzeptiert und bestätigt zu werden. Enge Beziehungen in Kindheit und Jugend sind prägend dafür, wie wir später in Beziehungen gehen. Sie können uns Halt geben und unsere Resilienz positiv beeinflussen.

 

Was ist ausschlaggebend für eine „gute“ Freundschaft, also eine Freundschaft, die uns guttut?

Die Balance muss stimmen: Wichtig ist, dass beide Seiten Interesse aneinander zeigen und auch in schwierigen Zeiten das Gefühl haben, sich aufeinander verlassen zu können. Darüber hinaus zählen Ehrlichkeit und Authentizität, das Gefühl, keine Rolle spielen zu müssen. Trauen sich beide Seiten, die Maske fallen zu lassen, kann die Freundschaft ein viel intensiveres Level erreichen.

 

Worauf kommt es noch an?

Gemeinsame Erfahrungen sind wichtig. Und es ist wichtig, dass man ähnliche Erwartungen an eine Freundschaft hat, ein ähnliches Nähebedürfnis zum Beispiel. Darüber sollte man ehrlich sprechen und seine Wünsche formulieren – so wie in einer Paarbeziehung.

 

„Gleich und gleich gesellt sich gern“ – was ist da dran?

In der Sozialpsychologie ist das ein Kriterium für längerfristige Beziehungen: Ähnliche Werte erleichtern die Freundschaft. Ein AfD-Wähler und eine Linke werden Schwierigkeiten haben, übereinzukommen. Grundsätzlich kann eine Freundschaft aber auch funktionieren, wenn man sehr unterschiedlich ist – das ist bei Sandkastenbeziehungen oft so, dass man zwar gemeinsame Erfahrungen hat, sich aber unterschiedlich entwickelt. Ist der eine in Freundschaften beispielsweise selbstbewusster als der andere, dann dient die Freundschaft auch dem Modelllernen. So kann man in Freundschaften an seinen Schwächen wachsen.

 

Wir haben über Freundschaften gesprochen, die uns guttun – gibt es auch Freundschaften, die schlecht für uns sind?

In Partnerschaften kommt das sicher öfter vor – aber auch in Freundschaften können sich Verhaltensmuster etablieren, die uns schaden: etwa Verletzungen zu ertragen wie das Gefühl, nur zweite Wahl zu sein. Oft liegt das an einem niedrigen Selbstwertgefühl und internalisierten negativen Glaubenssätzen.

 

Stichwort Paarbeziehung: Was ist bei Freundschaften denn grundsätzlich anders?

In einer Paarbeziehung kommt Sex dazu – und dadurch ist die Intimität viel höher. So entsteht ein anderes Vertrauensverhältnis. Und als Paar hat man oft eine Zukunftsvision, beispielsweise eine Familiengründung, und baut sich gemeinsam etwas auf. Dadurch kann es auch größere Enttäuschungen geben.

 

In Zeiten von Kontaktbeschränkungen verlagern sich viele Freundschaften in den digitalen Raum. Was macht das mit uns?

Bei digitalen Kontakten fehlen die körperliche Nähe und das Gefühl: Da ist jemand bei mir. Ich nehme in meiner Praxis wahr, dass viele durch die Einschränkungen der letzten Monate bereits belastet sind und sich einsam fühlen, weil Treffen an der frischen Luft in der dunklen und kalten Jahreszeit nur eingeschränkt möglich sind.

„In diesen Zeiten wird deutlich, wie wichtig Freundschaften sind.“
Zur Person

Janne Twenhöfel

Haben Sie einen Tipp, damit umzugehen?

Soziale Medien können ein Hilfsmittel sein, mit anderen in Kontakt zu bleiben und sich mitzuteilen. Gerade in diesen Zeiten wird ja deutlich, wie wichtig Freundschaften sind und welchen Wert sie haben. Viele Menschen haben kreative Ideen entwickelt, mit der Situation umzugehen. Sie schicken sich Pakete oder nutzen Videodienste, um gemeinsam – aber an unterschiedlichen Orten – zu kochen, Yoga zu machen oder einen Film zu schauen. Für diejenigen, die jetzt das Gefühl haben, ganz einsam zu sein, kann das auch der richtige Moment sein, sich professionelle Unterstützung zu holen.