Wolfgang Niedecken

„Meine Frau ist die Liebe meines Lebens. Und mein bester Freund

Für Manche klingt Kölsch wie eine Fremdsprache. Wolfgang Niedecken ist mit diesem Dialekt und seiner unermüdlichen Band BAP zur deutschen Rock-Ikone geworden. Jetzt feiert der Musiker, Maler und Menschenrechtskämpfer seinen 70. Geburtstag – und erzählt, was ihn wach hält und welche Freundschaften ihm etwas bedeuten
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Herr Niedecken, haben Sie heute schon an einen guten Freund gedacht?

Während wir telefonieren, schaue ich gerade durch das Fenster meines Arbeitszimmers auf einen – den Rhein. Diese Aussicht ist für mich ein Trost an grauen Wintertagen. Im Sommer ist der Blick durch die Blätter der Uferallee verstellt, aber jetzt zieht der Strom in seiner ganzen Pracht an mir vorbei. Auch immer noch in die richtige Richtung. Gott sei Dank (lacht).

 

Was macht diese Freundschaft aus?

Der Fluss beruhigt mich. Und das läuft vor allem im Unterbewusstsein ab. Es ist nicht so, dass ich ständig diese Metaphern von Quelle, Mündung oder Kreislauf des Lebens im Kopf habe. Es tut einfach gut zu spüren: Er ist da. Und alles fließt.

Suchen Sie den Rhein auch bewusst auf?

Ja oft, und ich weiß sehr genau, wann ich ihn brauche. Wenn ich zum Beispiel viel negativen Stress um die Ohren habe, muss ich mich nur fünf Minuten an den Rhein setzen. Dann geht es mir sofort besser.

„Ich mag den Begriff ‚Heimathafen‘. Von hier breche ich auf, komme aber genauso gerne zurück.“

Ist das für Sie auch ein Ausdruck von Heimatliebe?

Die meisten Kölner Musiker besingen vor allem den Dom. Der ist ja geradezu ein Symbol unserer Heimatbesoffenheit. Mir jedoch hat der Rhein immer mehr bedeutet. Statt Heimat verwende ich auch lieber den Begriff Heimathafen. Von hier breche ich auf, komme aber genauso gerne zurück.

 

Im März werden Sie 70 Jahre alt, sind seit mehr als 40 Jahren mit Ihrer Band BAP unterwegs und haben gerade Ihr 20. Album veröffentlicht. Wie ist Ihre Gefühlslage mit 69?

Sehr gelassen. Und ich möchte das Beste aus den vielen Chancen machen, die sich im letzten Lebensdrittel noch eröffnen. Allerdings sind meine Augen und meine Ohren schlechter geworden und es kommt auch vor, dass ich zum zerstreuten Professor neige. Da fliegt die Orangenschale nicht da hin, wo sie hingehört – in den Mülleimer – sondern landet im allmorgendlichen Obstsalat.

Zur Person

Wolfgang Niedecken

Vor neun Jahren haben Sie einen Schlaganfall überlebt und bald darauf Ihr Musikerleben mit neuer Energie wieder aufgenommen. Im neuen Song „Huh die Jläser, huh die Tasse“ lassen Sie Krankenschwestern, Pfleger und Feuerwehrleute hochleben. Ist das ein verspätetes Dankeschön an ihre damaligen Lebensretter?

Das war sicher eine elementare Erfahrung. Allein diese Krankenwagenfahrt mit Blaulicht durch die eigene Stadt … Doch der Respekt für Menschen, die bei geringer Bezahlung in sozialen Berufen arbeiten und sich dort aufreiben, rührt schon aus Studententagen, als ich als Zivildienstleistender selbst alte Menschen betreut habe. Im Frühjahr haben wir uns dann spontan entschlossen, dieses Stück vorab zu veröffentlichen.

Als Kommentar zur Corona-Krise?

So war das ursprünglich gar nicht gedacht. Wir hatten den Song schon im August 2019 aufgenommen. Bei der fröhlichen Reggae-Komposition unseres Gitarristen Ulle dachte ich: Die Musik schreit eigentlich nach einem Trinklied. Aber auf wen sollen wir trinken? Warum nicht mal auf die Menschen, die nicht unbedingt als cool gelten, aber es tausendfach verdient haben, weil sie unsere Gesellschaft zusammenhalten? Wichtig war mir, dieses Dankeschön mit Humor und Leichtigkeit rüberzubringen.

 

Anfang der Achtzigerjahre sorgten sie mit Rock in kölscher Sprache bundesweit für Verkaufsrekorde. Und BAP galt als politisch engagierte Band, spielte auf Friedensdemos und solidarisierte sich mit Bürgerinitiativen.

Das hatte in einer aufgewühlten Zeit auch alles seine Berechtigung. Dennoch gab es schon damals ein Missverständnis: Nur weil manche Songs politische Inhalte hatten, war BAP nie eine Politrock-Band. Songs sind keine Pamphlete. Sie handeln immer von Gefühlen – von Angst, Liebe, Schmerz, Hoffnung oder Wut. Und die Kunst liegt darin, sich knapp auszudrücken, in wenigen Zeilen diese Gefühle möglichst poetisch zu formulieren.

„So manch früheren Text würde ich heute sicher anders schreiben.“

Hat sich Ihre Art, Songs zu schreiben, in all den Jahren verändert?

Im Grunde nicht. Ich sammle im Kopf viel Stoff, gehe vielleicht am Rhein spazieren und warte auf den Moment, in dem ich eine Idee bekomme, die den Schreibprozess in Gang setzt. Und später, wenn ich dann das Gefühl habe, dass mir der Song nicht mehr entgleiten kann, geht es an den Feinschliff. Ich glaube schon, dass mein Songwriting besser geworden ist. So manch früheren Text würde ich heute sicher anders schreiben.

 

Auf Ihrem neuen Album gibt es den Song „Op Odyssee“, in dem Sie Ihre Anfänge beschreiben.

Es war eine unbeschwerte Reise ins Ungewisse, eine herrliche Zeit der Unschuld. Du bist unterwegs, du kannst deinen Deckel zahlen, deine Miete. Alles andere hat dich zwischen 20 und 30 nicht interessiert.

 

Die Band BAP wurde im Laufe der Jahrzehnte mehrmals umbesetzt. Sind Freundschaften geblieben?

Ja. Einer meiner besten Freunde ist unser ehemaliger Schlagzeuger Jürgen Zöller, mit dem ich 25 Jahre zusammengespielt habe. Der wohnt in Karlsruhe, wir sprechen mindestens zweimal die Woche. Ihn kann ich auch anrufen, wenn es mir nicht so gut geht. Zu anderen Musikern verlor sich der Kontakt, ohne dass man im Bösen auseinanderging. Ich betrachte das als einen normalen Prozess. Das wird auch in bürgerlichen Berufen nicht anders sein.

„Ich wollte immer beim Kölsch bleiben, der Sprache, in der ich fühle.“

Haben Sie sich nie gestritten?

Mit unserem Gitarristen Klaus „Major“ Heuser gab es ein langjähriges, oft quälendes Tauziehen. Wir haben uns aber niemals angeschrien oder so was. Doch irgendwann war es anscheinend genug. Der „Major“ hat kommerzieller gedacht als ich und wollte am liebsten, dass ich auf Englisch singe. So in Richtung Bon Jovi oder Queen. Ich bin aber kein Bombast-Rocker. Meine Motivation war es auch nicht, unbedingt im Radio gespielt zu werden. Mir ging es um meine Individualität und vor allem wollte ich immer beim Kölsch bleiben, der Sprache, in der ich fühle.

 

Ihr Album enthält viele Liebesbekundungen an Ihre Frau Tina. „Besser, du bleibst für den Rest meines Lebens“, heißt es in einem Stück. Ist sie auch diejenige, die Sie als Erste um Rat fragen?

Wir haben die Vereinbarung, dass Tina einen neuen Song erst zu hören bekommt, wenn ich mit ihm zufrieden bin. Denn das habe ich schon in meiner Zeit als Maler gehasst: Wenn jemand Kommentare losgelassen hat, obwohl das Bild noch gar nicht fertig war. Abgesehen davon spreche ich mit Tina wirklich über alles, teile mit ihr jede Sorge – und umgekehrt genauso. Sie war meine Rettung, als meine erste Ehe in die Brüche gegangen war. Tina ist nicht nur die Liebe meines Lebens, sie ist auch mein bester Freund.

„Was ich mache, ist nicht gerade familientauglich.“

Wie sieht die Rollenverteilung bei den Niedeckens aus?

Tina ist klar der Chef. Eine Löwenmutter. Und sie akzeptiert, genau wie die Kinder, meinen Status als Künstlerseele, die gewisse Freiräume braucht. Anders würde es auch gar nicht gehen. Wenn man ehrlich ist: Was ich mache, ist nicht gerade familientauglich.

 

Wie haben Sie die Zeit im Lockdown verbracht?

Ich bin etwas vorsichtig, das zu erzählen, weil ich weiß, dass der erste Lockdown viele Menschen stark belastet hat: Meine Familie und ich konnten eine sehr schöne, intensive Zeit miteinander verbringen. Im Februar reiste meine älteste Tochter Isis-Maria mit ihrem Freund aus Berlin an, weil sie ihr erstes Kind im Kölner Krankenhaus Severinsklösterchen zur Welt bringen wollten. Wie sich das gehört. Sie wurde dort geboren – genau wie ich. Enkel Noah kam dann kurz vorm Lockdown am 6. März zur Welt. Es folgten vier Monate, in denen wir in Großfamilienstärke im Garten gesessen und die gemeinsamen Abendessen sehr genossen haben. Die jüngere Tochter Joana-Josephine kam auch aus Berlin, und auch mein Sohn Robin war kurz vorher erstmals Vater geworden. Hoppla, jetzt bin ich gleich zweifacher Großvater. Ein neues Familienkapitel, das ich sehr genieße. Alles fließt.

Der BAP-Song „Verdamp lang her“, längst ein deutscher Rock-Klassiker, thematisiert das schwierige Verhältnis zu Ihrem 1980 verstorbenen Vater. Erinnern Sie sich an ihn, wenn Sie heute in den Spiegel schauen?

Es ist tatsächlich verblüffend, dass ich manchmal genauso aussehe wie er. Da ist zum Beispiel dieser resignative Gesichtsausdruck, wenn ich mir den Mund fusselig rede, aber keiner kapiert’s. Und ich habe immer meine Witze über die extreme Sparsamkeit meines Vaters gemacht. Aber heute kann ich mich beispielsweise darüber aufregen, wenn ich den Eindruck habe, dass zu viele Lebensmittel eingekauft werden. Ich möchte nicht, dass später etwas weggeschmissen wird. Mein strenggläubiger Vater hat damals immer gesagt: „Das hat der Herrgott alles für uns wachsen lassen.“

 

Wie beurteilen Sie das Aufbegehren gegen Ihren Vater heute?

Ich habe meinen Vater sehr geliebt. Doch mit 15, 16 Jahren begannen unsere erbitterten Streitereien. Er gab sich konservativ und ich bin ihn hart und selbstgerecht angegangen. Er hat resigniert und ich habe resigniert. Als er starb, war ich 29. Da hätten wir eigentlich schon längst zehn Jahre wieder gut miteinander reden können. Dass es nicht passierte, habe ich im Text „Verdamp lang her“ aufgegriffen und bereue ich bis heute.

„Wogegen hätten meine Kinder rebellieren sollen?“

Haben Ihre Kinder mal gegen Sie rebelliert?

Das war schwer. Wogegen hätten Sie rebellieren sollen? Ich habe meine Kinder immer als Freunde erlebt. Wir haben ein enges Verhältnis, auch wenn sich alle vier unterschiedlich entwickelt haben. Die größte Rebellion war noch der Entschluss von Isis-Maria, Modedesign zu studieren, womit ich überhaupt nichts am Hut habe. Ich bin froh, wenn ich meine Hosen und Jeans-Hemden im freien Handel bekomme. Interessanterweise wäre meine Mutter auch gerne Modezeichnerin geworden. Ein Talent, das sie wohl wiederum von ihrem Vater hatte. Der war Kirchenmaler, konnte sich aber nicht künstlerisch entfalten, weil er in den schweren Nachkriegsjahren seine Familie als Anstreicher ernähren musste. Meine Mutter war eine starke, lebensfrohe Frau. Sie hat mich anfangs während meines Kunststudiums sehr unterstützt. Sie war für all meine Hirngespinste eine heimliche Verbündete, auch was die Musik betraf.

 

Auf den Covern früherer BAP-Alben ist ihr Hund Blondie abgebildet – damals eine kleine Berühmtheit. Haben Sie noch immer einen Hundefreund?

Ja, die Dame heißt Numa – und ist anscheinend die Reinkarnation von Blondie. Zwischendurch gab es Mayla und Fussel, aber die waren mehr die Hunde von meinen Mädels. Bei Numa habe ich nun wieder einen dicken Stein im Brett. Sie bringt mich zum Lachen, und sie darf mich um den Finger wickeln.