Erfahrungsberichte

Neue Freunde finden

Ab einem gewissen Alter wird der Freundeskreis kleiner: Man kümmert sich mehr um Karriere oder Familie, alte Bekannte ziehen weg, man verliert sich aus den Augen. Gleichzeitig gibt es weniger Gelegenheiten, neue Leute kennenzulernen. Drei Menschen erzählen, wie sie trotzdem wieder Freunde gefunden haben

Ulrike, 38, freiberufliche Redakteurin

Freundin: Tangotänzerin

Ich sitze beruflich viel allein im Homeoffice, und das nicht erst seit Corona. Deswegen war ich auf der Suche nach einem sportlichen Ausgleich, bei dem ich gleichzeitig auch unter Leute komme. Es ging mir also gar nicht um neue Freunde, ich wollte hauptsächlich Bewegung und Spaß.

Ich habe mich dann für Tanzen entschieden, wusste aber noch nicht, was der richtige Tanz für mich ist. Berlin hat eine sehr lebendige Tanzszene, es gibt viele Angebote, zum Beispiel für Salsa, Tango oder Swing. Also habe ich einen Aufruf an meine Berliner Facebook-Kontakte gepostet: Wer hat Lust, mich beim Ausprobieren zu begleiten?

Dabei wollte ich keinen Tanzpartner finden. Es gibt genügend Kurse, die man als Single besuchen kann. Ich fand aber die Idee schöner, nicht allein loszuziehen.

Auf meinen Post hin meldete sich Rebecca, eine Bekannte: Sie habe schon mal Tango probiert, sei dann aber wieder davon abgekommen. Sie würde es gern nochmal versuchen. Wir haben uns zusammen zu einem Workshop angemeldet – und beide gemerkt, dass Tango für uns das Richtige ist. Durch das Tanzen wurde aus unserer Bekanntschaft dann eine Freundschaft.

Mit Tango tat sich eine neue Welt auf. Wir haben auf einmal sehr viel Zeit miteinander verbracht, lernten in der Tangoschule viele neue Leute kennen und waren auch gemeinsam shoppen, wenn wir zum Beispiel neue Tanzschuhe brauchten. Ein dreiviertel Jahr nach unserer ersten Unterrichtsstunde fuhren Rebecca und ich auf eine einwöchige Tangoreise, auf der viele fortgeschrittene Tänzer waren. Das hätte ich mich allein wohl nicht getraut.

„Tango ist eine Leidenschaft, die einen packt.“

Vor der Pandemie fanden in Berlin jede Woche Dutzende Milongas statt, also Veranstaltungen, bei denen zur Musik einer Liveband oder eines DJs Tango getanzt wird. Man macht sich für diese Events ein bisschen schick, fordert auf oder wird aufgefordert und tanzt mit ganz verschiedenen Leuten. Wie bei allen Paartänzen stellt sich auch beim Tango die Frage, ob man „führt“ oder „folgt“. Rebecca und ich sind beide „Folgende“, wir tanzen also nicht miteinander. Aber wir gehen zusammen zu den Veranstaltungen und sitzen in den Tanzpausen beieinander und quatschen.

Vor Corona sind wir mehrmals in der Woche zum Tanzen gegangen. Jetzt treffen wir uns ab und zu zum Spazierengehen und telefonieren. Tango ist eine Leidenschaft, die einen packt, manche sprechen auch von einer Sucht. Ich habe einen großen Freundeskreis, aber niemand davon tanzt Tango. Bei Gesprächen muss ich deshalb immer aufpassen, dass ich mit meiner Faszination niemanden nerve oder langweile. Deshalb ist es schön, dass es jemanden gibt, mit dem ich diese Leidenschaft teilen kann.

Marco, 48, Chefarzt

Freundin: Nachtelfenjägerin

Ich habe schon immer gerne Fantasy-Rollenspiele gespielt. An einem Tisch habe ich mit Freunden ausgedachte Helden durch Abenteuer voller Monster gesteuert, nur mit Papier, Stift und zwanzigseitigen Würfeln. Aber meine Mitspieler waren irgendwann aus beruflichen oder familiären Gründen über ganz Deutschland verstreut. Es muss Ende 2007 gewesen sein, als ich mich mit einem Kollegen darüber unterhielt, dass ich gerne wieder spielen wollte. Ich war damals 35 und Assistenzarzt in einem Krankenhaus.

Mein Kollege empfahl mir das Onlinespiel „World of Warcraft“, kurz „WoW“. Ich war erst skeptisch, habe es dann aber ausprobiert. Als Spielfigur wählte ich einen Jäger aus dem Volk der Nachtelfen. Im Spiel schloss ich mich einer Gilde an. In Gilden organisieren sich Spieler, um gemeinsam zu verabredeten Zeiten schwierige Missionen zu lösen. Dabei übernimmt jeder Spieler je nach den Fähigkeiten seiner Spielfigur bestimmte Aufgaben.

„Bald kannte ich die Stimmen meiner Mitspieler so gut, dass ich nach wenigen Worten wusste, ob jemand einen guten Tag hatte.“

Die Spieler tragen Headsets, um sich während der Missionen abzusprechen und Spielzüge zu koordinieren. Nach einiger Zeit kannte ich die Stimmen meiner Mitspieler so gut, dass ich nach wenigen Worten schon wusste, ob jemand einen guten Tag hatte oder nicht. Am Anfang unterhielten wir uns wenig über Themen außerhalb des Spiels, aber nach und nach tauschten wir uns mehr über unsere Offline-Leben aus.

Irgendwann kam die Frage: „Wo wohnst Du eigentlich?“ Dabei stellte ich fest, dass mein „Doppel“ ganz in der Nähe wohnte: In unserer Gruppe war jede Position doppelt besetzt, sodass man sich gegenseitig ersetzen konnte, sollte ein Spieler einmal keine Zeit haben. Mein „Ersatz“ war Ruth, und als Ruth Geburtstag hatte, lud sie mich kurzerhand ein.

Aus diesem ersten Treffen entstand die Idee, die ganze Gilde einmal im realen Leben zusammenzubringen. Das haben wir dann an einem Pfingstwochenende auch geschafft, ganz analog mit Zelten und Lagerfeuer. Ich fand das sehr spannend: Die meisten hatte ich ja noch nie gesehen, erkannte sie aber, sobald sie ein paar Worte sagten.

Viele WoW-Spieler können von diesem einen ganz besonderen Moment erzählen, wenn man nach wochenlanger Vorarbeit und mit dem letzten Rest Lebensenergie endlich den Endgegner besiegt hat, sich das Headset vom Kopf reißt und jubelt. So einen tollen Moment konnte ich auch mit meiner Gilde erleben, das verbindet – teilweise bis heute.

Zu Ruth hat sich eine sehr gute Freundschaft entwickelt, sie wurde sogar zu meiner Trauzeugin. Wir spielen schon seit Jahren nicht mehr, aber wenn ich mit meiner Frau über sie spreche, nenne ich sie oft noch „Itti“, das war der Name ihrer Spielfigur.

Jochen, 42, Buchhalter

Freundin: Langstreckenläuferin 

2014 bin ich von Mainz nach Herrenberg in Baden-Württemberg gezogen. Ich hatte ein tolles Jobangebot und wollte ausprobieren, wie mir das Leben dort gefällt. Ein wichtiger Punkt für mich: In Mainz hatte ich einen großen Freundeskreis, in Herrenberg kannte ich zunächst niemanden. Also wollte ich auch dort Freunde finden. Laufen ist meine große Leidenschaft, ich laufe verschiedene Langstrecken und nehme regelmäßig an Wettkämpfen teil. In Mainz habe ich immer allein trainiert. Um in Herrenberg Leute kennenzulernen, bin ich dann Mitglied im Sportverein geworden.

Tatsächlich hat das gut geklappt: Ich habe in der Laufgruppe des Vereins tolle Menschen getroffen, von denen ein paar bis heute gute Freunde von mir sind. Außerdem hat mir das gemeinsame Training viel Spaß gemacht. Nach zwei Jahren entschied ich aber, dass meine Zeit in Herrenberg vorbei ist, und ging zurück nach Mainz. Dort vermisste ich das Training mit Gleichgesinnten. Außerdem waren meine alten Mainzer Freunde mittlerweile in einer Phase, in der sie wegen Job und Familie kaum noch ausgingen. Also wendete ich mein Erfolgsrezept aus Herrenberg auch in Mainz an – und gründete selbst eine Laufgruppe.

„Mir imponierte, dass Rebecca den Marathon in 3:15 Stunden laufen wollte.“

Die erste Teilnehmerin war Rebecca. Die hatte ich bereits 2014 beim Gutenbergmarathon in Mainz kennengelernt. Sie war damals ziemlich schnell unterwegs und ich habe sie einfach angesprochen. Mir imponierte, dass sie den Marathon in drei Stunden und 15 Minuten laufen wollte, eine Zeit, die ich bis dahin noch nie geschafft hatte. Ich hängte mich an sie dran und wollte sehen, ob ich die Zeit auch schaffe. Bei der Hälfte der Strecke bekam sie aber Probleme und ist eingebrochen. Ich habe sie dann unterstützt, wir sind zusammen ein Stück gegangen und schließlich konnten wir nach etwa drei Stunden und 28 Minuten gemeinsam ins Ziel einlaufen. Damit ist Rebecca sogar Stadtmeisterin geworden, war also die schnellste Mainzerin.

Sie freute sich über den Titel und über meine sportliche Geste, seitdem sind wir befreundet. Wir haben häufig zusammen trainiert, nach meiner Rückkehr nach Mainz fast täglich. Sie hat auch Freunde und Bekannte mit zur Laufgruppe gebracht, die Gruppe wuchs und ist mittlerweile fest etabliert. Wir haben gerade einen Verein daraus gemacht.

2018 ist Rebecca nach Stuttgart gezogen, seitdem konnten wir leider an keinem Marathon mehr teilnehmen. Wir sind aber immer noch regelmäßig in Kontakt, und wann immer sich die Möglichkeit ergibt, laufen wir zusammen.