Modernes Leben

Sorglos solo

Das Leben ohne festen Partner gewinnt an Attraktivität. Was sind die Vorteile des Singlelebens? Und pflegen Alleinstehende die stabileren Freundschaften?
Lesezeit: 4 Minuten

So kriegt man einen Mann!“: Es waren Schlagzeilen wie diese, mit denen die Zeitschrift „Brigitte“ in den 1950er Jahren bei den deutschen Frauen punktete. Gemeinsam mit Blättern wie „Die kluge Hausfrau“, „Libelle“ oder „Frau im Spiegel“ wurde hier das Bild der traditionellen Familie aus Mann, Frau und Kindern propagiert. Das oberste Ziel einer jeden Dame schien eindeutig: einen Ehemann finden, sich um den Haushalt kümmern und das Familienglück genießen. Die alleinstehende Frau kam im Diskurs der jungen Bundesrepublik höchstens als bemitleidenswertes Geschöpf vor, das Mr. Right nicht gefunden hatte.

Und heute, rund 60 Jahre später? Ist das Singleleben in Deutschland eine anerkannte Lebensform unter vielen. 2019 lebten in Deutschland rund 16,8 Millionen Singles. Der Einpersonenhaushalt ist inzwischen sogar die häufigste aller Wohnformen: Mehr als jede fünfte Person in Deutschland, rund 17,6 Millionen Menschen, lebt heute allein – mehr als je zuvor.

Die Gründe für den Zuwachs an Alleinstehenden sind laut dem Soziologen Dr. Janosch Schobin vielschichtig: „Früher hatten viele Menschen nur offiziell einen Partner. Auch wenn die Ehe längst zerrüttet war, blieb man zusammen. Seit man sich ohne Zustimmung des Partners scheiden lassen kann, wird diese Gruppe immer kleiner.“ Hinzu kommt: „Wir befinden uns länger in der Ausbildung, heiraten später und leben immer länger.“ Das resultiere zwangsläufig in längeren Phasen der Partnerlosigkeit – etwa, weil wir den richtigen Partner noch nicht gefunden haben oder er bereits verstorben ist.

„Alleinstehend zu sein ist heute ein eigener Attraktionspunkt.“

Wieso das Singleleben an Attraktivität gewinnt

Ein wichtiger Punkt ist laut Schobin aber die steigende Attraktivität des Singledaseins. So entschieden sich Menschen heute öfter bewusst dafür, ohne Partner zu leben. „In einer Welt, in der Selbstentfaltung eine immer größere Rolle spielt, ist alleinstehend zu sein ein eigener Attraktionspunkt. Es ermöglicht uns, relativ frei über unsere Zeit zu verfügen und bewusst zu entscheiden, wann wir Zeit mit anderen Personen verbringen möchten.“

Das Singleleben als Höhepunkt der Freiheit also? Der Erfolg von Plattformen wie Tinder, auf der mehr oder minder junge Menschen auf der Suche nach mehr oder minder unverbindlichen Dates sind, stützt diese Vermutung. Im Oktober 2020 hatte Tinder in Deutschland rund 580.000 Nutzer. Und im vergangenen Jahr feierte das Unternehmen mit einer großen Werbekampagne unter dem Namen #SingleNotSorry das scheinbar unabhängige Leben ohne Partner.

Doch wie sieht das Singleleben abseits von Werbekampagnen aus? Gunda Windmüller trennte sich vor einigen Jahren aus einer längeren Partnerschaft und lebt seitdem allein. „Das Singleleben“, so die Journalistin und Autorin, sei „eine große Chance, in die Beziehung zu investieren, die bis an unser Lebensende hält – die Beziehung zu uns selbst“. Singles, so Windmüller, hätten die Chance, sich selbst besser kennenzulernen als verpartnerte Menschen, und wüssten deshalb besonders gut, was sie brauchen. Und in der Tat: Laut einer Studie des britischen Glücks- und Verhaltensforschers Paul Dolan sind etwa kinderlose Singlefrauen glücklicher als verheiratete Frauen mit Kindern.

Noch immer gibt es Vorurteile – vor allem gegenüber alleinstehenden Frauen

Doch laut Windmüller haben Singles bei der Wahl ihres Lebensmodells noch immer mit viel Gegenwind zu kämpfen. Im vergangenen Jahr hat die Kölner Autorin deshalb das Buch „Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht“ veröffentlicht. Untertitel: „Eine Streitschrift“. Was waren ihre Beweggründe? „Nach meiner Trennung wurde mir ziemlich schnell deutlich gemacht, dass etwas mit mir nicht stimmt. Mir wurden potenzielle Partner vorgeschlagen, ich wurde subtil bemitleidet, man hat mich nach meinen Kinderwünschen befragt.“ Niemand sei auf die Idee gekommen, so Windmüller, dass sie als Single glücklich sein könnte.

Während Schobin der Meinung ist, es sei „untypisch geworden, über Singles aus einer Mangelperspektive zu sprechen“, sagt Gunda Windmüller: „Mit Singlemännern hat unsere Gesellschaft kein Problem. Aber Singlefrauen werden als Mängelexemplare dargestellt.“

Frei von gesellschaftlichen Stereotypen bietet das Leben als Single – ob für Männer oder Frauen – laut Windmüller viele Vorteile. Der für die 40-Jährige entscheidende: der große Stellenwert von Freundschaften. „Dass ich Single bin, bedeutet nicht, dass ich keine Beziehungen führe“, so die Journalistin. „Im Gegenteil: Ich pflege zu vielen Menschen enge freundschaftliche Kontakte und verteile meine Bedürfnisse nach Nähe auf mehrere Schultern.“ Viele verpartnerte Menschen würden alle Wünsche auf ihren Partner projizieren und von diesem ein Rundum-sorglos-Paket erwarten. „Was passiert, wenn die Beziehung in die Brüche geht?“, fragt Windmüller.

Singles legen besonderen Wert auf Freundschaften

Auch Janosch Schobin ist der Meinung: Dass Alleinstehende überproportional oft einsam sind, ist ein Mythos. „Singles leben sehr oft besonders freundschaftszentriert. Was sie an Geselligkeit brauchen, holen sie sich nicht von einer Person, sondern von vielen verschiedenen.“ So verbringen Singles Zeit mit anderen Menschen oft deutlich bewusster.

Ob das Singleleben auch Nachteile habe? „Natürlich“, so Windmüller. Alle Lebensformen hätten positive und negative Begleiterscheinungen. „Es gibt Situationen, in denen ich mir einen festen Partner wünsche.“ Ihr Appell an die Gesellschaft: „Wir sollten keine Lebensform einer anderen überordnen.“