Tierwelt

Tierisch gut befreundet

Ein Eisbär tollt mit einem Schlittenhund im Schnee herum, eine Giraffe leckt einen Strauß ab und ein Kaninchen schmiegt sich an eine Katze. Angesichts solcher Beobachtungen drängt sich die Frage auf: Können Tiere Freundschaften knüpfen?
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Immer mehr Biologen und Verhaltensforscher gehen davon aus, dass auch Tiere beste Freunde haben und zeigen, wen sie mögen oder nicht. Eine Vorreiterin auf dem Gebiet ist die britische Verhaltensforscherin Jane Goodall, die vor sechzig Jahren damit begann, das Verhalten von Schimpansen zu erforschen. Sie beschreibt Exemplare, die sich umarmen, trösten und sich umeinander kümmern. Lässt sich also feststellen, dass Tiere befreundet sind? Schließlich kann man sie nicht fragen.

„Bei Pferden lassen sich soziale Bindungen gut beobachten“, sagt die Biologin Dr. Vivian Gabor, die auf ihrem Hof in Niedersachsen 20 Pferde hält. „Ein Pferd zeigt sehr deutlich, wenn es ein anderes nicht in seiner Nähe haben möchte. Und jagt es weg. Befreundete Tiere verbringen dagegen viel Zeit miteinander, fressen, trinken und ruhen zusammen und kraulen sich mit ihrem Kopf gegenseitig am Rücken und am Mähnenkamm. „Solche Bindungen bieten viele Vorteile. Die Pferde stehen einander bei und schützen sich gegenseitig – zum Beispiel vor Angriffen aus der Herde oder von außen“, erklärt Dr. Vivian Gabor. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Georg-August-Universität Göttingen und Autorin des Buches „Mensch und Pferd auf Augenhöhe: Pferdegerecht kommunizieren“.

Auch Tiere fühlen

Wenn Pferde sich gegenseitig das Fell kraulen, wird das Bindungshormon Oxytocin freigesetzt, das man auch von Mutter-Kind-Beziehungen kennt. Es wird auch als Kuschelhormon bezeichnet. Oxytocin steigert die Bereitschaft, sich jemandem anzunähern. Beim Menschen reduziert es Angst und Stress und fördert Liebe, Fürsorge und Vertrauen. Doch lassen sich diese Empfindungen auf Tiere übertragen? Fest steht: Säugetiere haben eine ähnliche Hirnstruktur wie Menschen und verfügen über jene Bereiche im Gehirn, wo sich Emotionen oder Gefühle entwickeln. Das ist das sogenannte limbische System. Ist eine Kuh also glücklich, wenn sie mit ihrer Freundin auf der Weide zusammenbleiben darf, und ein Pferd traurig, wenn es von seinem Kumpel getrennt wird? Ganz so einfach scheint die Antwort nicht zu sein. Dr. Vivian Gabor ist zwar überzeugt, dass Pferde durchaus Emotionen haben, aber: „Was ein Pferd in dem Moment tatsächlich fühlt, können wir nicht sagen. Auch nicht, dass es so ähnliche Gefühle von Bindung und Nähe entwickelt wie der Mensch. Das können wir nur ableiten und beschreiben, aber nicht messen.“

Gefühle und Freundschaften bei Tieren? Lange Zeit war das tabu. Biologen und Verhaltensforscher gingen davon aus, dass es in der Tierwelt nur ums nackte Überleben geht. Mittlerweile gibt es immer mehr Belege dafür, dass Tiere durchaus Freunde haben und nicht jeden in ihrer Umgebung sympathisch finden. Kühe sind besonders wählerisch. Das fand die Marburger Biologin Anja Wasilewski heraus. Für ihre Doktorarbeit untersuchte sie in Großbritannien Herden von Pferden, Schafen, Rindern und Eseln. Bevor sie einen Fuß auf die Weiden setzte, definierte sie den Begriff Freundschaft als eine freiwillige Beziehung, die nicht sexuell motiviert ist und nicht auf Verwandtschaft beruht. Ihr Ergebnis: Pferde, Schafe, Rinder und Esel pflegen innige Freundschaften. Wenn der Schafbock Mr. Softee wieder einmal Zoff mit einem anderen Bock hatte und wie üblich den Kürzeren zog, fand er Trost bei seinem Freund Charles und schmiegte minutenlang seinen Kopf an dessen Wange.

Ungewöhnliche Freundschaften

Freundschaften unter Tieren entstehen meistens innerhalb der gleichen Art. Dass ein Bär mit einem Löwen kuschelt oder ein Hund mit einer Katze, ist eher die Ausnahme. „Solche ungewöhnlichen Tierfreundschaften kommen vor allem dann vor, wenn es keine anderen Artgenossen gibt. Sie entstehen also aus der Not heraus“, sagt Dr. Vivian Gabor. So ähnlich ist es auch bei Mensch und Tier, die sich nicht zufällig begegnen und beste Freunde werden. Menschen nehmen ein Tier in ihre Obhut. Daraus kann sich eine echte Freundschaft entwickeln. Das muss aber nicht so sein. „Manchmal halten Menschen einen Hund oder eine Katze auch aus reinem Egoismus und Eigennutz. Weil sie bei anderen Menschen nicht das finden, was sie suchen: Liebe und Zuneigung“, sagt Dr. Vivian Gabor. Das Tier dient dann als Ersatz. Doch warum fühlen sich Menschen wohler in der Nähe eines tierischen Gefährten? „Tiere bewerten nicht“, entgegnet Dr. Vivian Gabor. „Ein Tier hegt auch keinen Groll und klagt nicht an. Es macht sich keinen Kopf um Vergangenheit und Zukunft. Das kann durchaus etwas Beruhigendes haben.“