Fußballfans

Treuetest

An wenigen Orten ist der Zusammenhalt so stark wie im Stadion. Doch Fußball und Fankurven verändern sich – und das Potenzial für Konflikte wächst
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Wer Sten Beneke von seinem Fußballverein sprechen hört, hat eine Vorstellung davon, was Leidenschaft bedeutet. Und wie bei jeder Leidenschaft gehört auch bei Beneke eine Geschichte dazu. Die beginnt in den frühen Achtzigern in Berlin-Köpenick. Damals pflegte Benekes Großmutter ihrem auf der Straße spielenden Enkel in schöner Regelmäßigkeit vom Balkon zuzurufen: „Komm hoch, Junge! Die Verrückten kommen.“ Die Verrückten, das waren die Anhänger von Union Berlin. Und Oma Beneke hatte das Glück – oder Pech, wie man es nimmt –, gegenüber dem Stadion des Vereins zu wohnen. Jedenfalls eilte der kleine Sten, so schnell es ging, nach oben und bestaunte die nicht enden wollende Kolonne der Fans auf dem Weg in die Alte Försterei. Noch ahnte er nicht, dass er selbst einmal dazugehören sollte.

Heute sagt Beneke: „Wenn meine Oma von Verrückten sprach, war das durchaus wertschätzend gemeint. Denn Union war in der DDR der Klub der Unangepassten. Von der Staatsführung war der Verein nie gewollt.“ Erich Mielke, der Chef der Staatssicherheit, war glühender Anhänger von BFC Dynamo. Der „Stasi-Klub“ wurde von 1979 bis 1988 durchgehend DDR-Meister, was auch daran lag, dass er vom Regime gestützt und von den Schiedsrichtern bevorzugt wurde. Immer wieder kam es vor, dass Spieler, die sich bei Union ins Rampenlicht gespielt hatten, zum BFC wechseln mussten. „Aber das schweißte die Union-Fans nur noch mehr zusammen“, so Beneke. Und das, so der 46-Jährige, merke man bis heute. Er sagt: „Ich habe noch nie so einen Zusammenhalt erlebt wie bei Union Berlin.“

Emotionsmaschine Stadion

Wochenende für Wochenende pilgern in der ganzen Republik Hunderttausende Fußballfans in die Stadien – zumindest, wenn eine Pandemie Massenveranstaltungen nicht gerade unmöglich macht. Was suchen diese Menschen dort? „Eine besonders gute Sicht auf das Spielgeschehen kann es nicht sein“, sagt Jonas Gabler. „Die ist vom Sofa aus besser.“ Seit vielen Jahren erforscht der Politologe die Fußballfanseele. Er ist sich sicher: „Die Menschen kommen ins Stadion, weil sie Geselligkeit suchen, Emotionen erleben wollen – und diese mit anderen Menschen teilen möchten.“ Das, so Gabler, sei im Stadion so gut möglich wie an kaum einem anderen Ort: „Der Fokus auf die gemeinsame Leidenschaft – den gemeinsamen Verein – schweißt unheimlich zusammen.“

Wer einmal im Dortmunder Westfalenstadion war oder in Unions Alter Försterei, im Müngersdorfer Stadion zu Köln oder im Hamburger Volkspark, der weiß: Hier ist es keineswegs ausgeschlossen, dass sich wildfremde Männer und Frauen wahlweise schreiend, lachend oder weinend in den Armen liegen. Hier werden gelungene Tackles der eigenen Mannschaft gemeinsam beklatscht, Schiedsrichter unisono ausgebuht und Spieler der gegnerischen Mannschaft nach einer Schwalbe oder einem Torerfolg einhellig ausgepfiffen. Ein Ort, an dem Freundschaften entstehen.

Gemeinsame Werte bei Union

Davon weiß auch Sten Beneke zu berichten: „In der Alten Försterei gibt es eine Art unausgesprochene Freundschaft. Unioner teilen gemeinsame Werte.“ Im Köpenicker Stadion, so der gebürtige Berliner, werde die eigene Mannschaft niemals ausgepfiffen und die Vereinsführung nie für schlechte Spiele verantwortlich gemacht. „Und wer einen dunkelhäutigen Spieler rassistisch beleidigt, der kann sicher sein, dass es Ärger gibt.“ Was Beneke besonders beeindruckt: Diese Werte würden in dem Stadion über verschiedene gesellschaftliche Gruppen hinweg geteilt. „Hier steht der Akademiker neben dem Stahlarbeiter – und beide sind 90 Minuten lang gleich.“

Das Fußballstadion als großer Gleichmacher also, in dem gesellschaftliche Unterschiede verschwimmen? Da ist laut Fanforscher Gabler durchaus etwas dran: „Beim Fußball kommen Personen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zusammen. Unterschiede in den Bereichen Einkommen, Herkunft oder politische Überzeugung geraten durch die geteilte Liebe zum Verein und das gemeinsame Ziel in den Hintergrund.“ Dennoch sei das Stadion als Ort, an dem jeder ausnahmslos gleich sei und die Fans sich ständig in den Armen lägen, eine Illusion.

Der Fanbeauftragte und sein Verein

Eine Illusion, die Dirk Michalowski nur allzu gut kennt. Seit knapp einem Vierteljahrhundert ist der 49-jährige Bochumer beim Fußballverein seiner Heimatstadt, dem VfL, als Fanbeauftragter tätig. Ein Job, für den man laut Michalowski zunächst eines können muss: zuhören. „Ich muss Stimmungen und Strömungen in der Fanszene auffangen, diese in den Verein tragen und bei Konflikten zwischen den beiden Parteien vermitteln.“ Das Problem: Die Fanszene des VfL Bochum ist äußerst heterogen. „Die rund 16.000 Zuschauer, die wir zu normalen Zeiten im Stadion empfangen, unterteilen sich in viele verschiedene Gruppen – und die haben oft sehr unterschiedliche Ansprüche“, so Michalowski.

Was die Aufgabe nicht einfacher macht: Politik spielt in vielen Fanszenen eine große Rolle. Und extreme Einstellungen sind nicht selten. „Wer als Verein rechte Fanlager im Stadion hat, der hat ein Problem“, sagt Michalowski. Im VfL habe man die Situation noch halbwegs im Griff. Doch ein Blick zu anderen Vereinen zeigt, dass rechte Gruppierungen die Fankurven nachhaltig vergiften können – und das, obwohl viele Klubs ihr Engagement gegen Rassismus und Extremismus seit Jahren intensivieren.

Ein Sport im Wandel

Michalowskis größte Sorge ist jedoch eine andere: „Der Fußball wird Jahr um Jahr kommerzieller, die Tickets immer teurer. Wenn ein Verein das Gespür dafür verliert, wie ein Fan denkt und fühlt, welche Emotionen er durchmacht, dann ist das Risiko hoch, dass dieser Verein seine Fans eines Tages verliert.“ Gerade durch Corona sei diese Gefahr akut geworden. „Was, wenn die Leute nach Monaten ohne Stadionbesuch plötzlich merken, dass sie auch ohne Fußball können?“, fragt Michalowski. Der Fanbeauftragte ist sich sicher: Die Pandemie wird den Fußball verändern.

Was er tun würde, wenn die Fans wirklich nicht zurückkämen? Das will Dirk Michalowski sich dann doch nicht vorstellen. Und so arbeitet er unermüdlich daran, dass an dem Tag, an dem das Bochumer Ruhrstadion wieder seine Pforten öffnet, vor allem eines zählt: die geteilte Liebe zum VfL.