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Wir waren nur Freunde und wollten’s auch bleiben

Sie steht auf Männer, doch dieser hier ist „nur“ ein Freund: ihr bester, und das ganz ohne Sex. Unter welchen Umständen und gegen welche Widerstände Freundschaft platonisch bleibt
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Marajke kennt Joe seit fast sechs Jahren. Beim CrossFit lernte sie den großgewachsenen Mann mit dem gewinnenden Lächeln kennen. Beide waren einander sofort sympathisch. Irgendwann verabredeten sie sich auch außerhalb der Halle zum Sport: Beim Joggen hatten sie Ruhe zum Reden; einen Sommernachmittag verbrachten sie beim Stand-up-Paddeln zu zweit am See.

Eigentlich hätte dieser Nachmittag ihr erstes Date werden können – doch es blieb ein Nachmittag unter Freunden. Fragt man Marajke, ob Joe der sein könne, der ihrem jahrelangen Singledasein ein Ende setze, schüttelt sie den Kopf. Sie sagt, er sei einfach als Mann nicht ihr Typ. Trotz der sportlichen Figur und gemeinsamer Interessen.

Geht es um die gemeinsamen Hobbys, machen sich die Ärztin und der Physiotherapeut gegenseitig gern Komplimente: nicht nur für die Leistung, sondern auch für die körperliche Form des anderen. Marajke genießt das. „Gerade als Single tut es mir gut, wenn ich ab und zu höre, dass ich attraktiv bin. Aber unsere Beziehung hat eine andere Stärke, die uns beiden noch wichtiger ist: Wir sind enge Vertraute, die sich alles erzählen können. Käme Sex ins Spiel, könnte das unsere Vertrauensbasis zerstören.“ Joe, zweifacher Vater, lebt von seiner Frau getrennt. Auch ihn hielte nichts und niemand auf, hätte die Sportsfreundin sein Herz erobert. Doch die ist sich sicher, er werde nicht versuchen, sie „rumzukriegen“.

Das Harry-und-Sally-Syndrom

Wer nicht an platonische Freundschaft glaubt, kann den beiden unterstellen, nicht ehrlich oder aufmerksam genug miteinander umzugehen. Doch vielleicht geht das Platonische aus gutem Grund auch von Joe aus: Laut Freundschaftsforscherin Beverley Fehr von der kanadischen University of Winnipeg profitieren Männer mehr von platonischen Freundschaften als Frauen. Denn anders als in vielen Männerfreundschaften bekommen persönliche Themen bei Frauen mehr Raum. Außerdem erfahren Männer von Freundinnen öfter emotionale Unterstützung.

Man könnte orakeln, dass Sex früher oder später auch ein Thema zwischen Marajke und Joe wird. So wie in der Liebeskomödie, die Psychologen zum Begriff des „Harry-und-Sally-Syndroms“ inspiriert hat. Harry, im Film gespielt von Billy Crystal, ist überzeugt: „Männer und Frauen können nie nur Freunde sein, der Sex steht immer zwischen ihnen.“ Der Film gibt ihm Recht. Auch die Realität zeigt eine gewisse Anziehung zwischen Menschen, die sexuell grundsätzlich kompatibel sind. 2018 gaben rund 30 Prozent der Männer in einer Umfrage an, dass sie schon einmal in eine gute Freundin oder einen guten Freund verliebt waren. Bei den Frauen waren es etwa 21 Prozent. Dass Männer eher geneigt sind, aus platonisch romantisch zu machen, könnte an der Evolution liegen: Denn anders als bei der Frau erhöht sich beim Mann die Chance auf Nachwuchs durch die Menge an Sexualpartnerinnen.

Wie sich die Beziehung zwischen Joe und Marajke entwickeln wird, darüber lässt sich nur mutmaßen. Käme irgendwann ein anderer Mann, steht für Marajke fest: „Natürlich würde ich Joe auch dann um Rat fragen und er könnte mir wertvolle Tipps geben – als Mann sogar Insiderinformationen.“ Ein Vorteil an Freundschaften mit dem Geschlecht, das einen sexuell anzieht.

Der perfekte Mann

Doch was, wenn die Insidertipps fruchten und Marajke einen festen Freund hätte? Ihr und Joe bliebe wohl weniger gemeinsame Zeit als jetzt. Hätte die Freundschaft Bestand, könnte der Partner eifersüchtig werden – auf gemeinsame Erlebnisse und geteilte Geheimnisse, darunter vielleicht sogar Intimes aus der Beziehung. Auf eine Nähe, die sich viele ohne Sex einfach nicht vorstellen können. Auch die Serie „Sex and the City“ thematisiert die platonische Freundschaft, die Hauptfigur Carrie mit nur einem Mann pflegt: Stanford Blatch ist immer für Carrie da und der Einzige, der Frauen wirklich versteht. Der perfekte Mann. Und der ist schwul.

In der Wortbedeutung von „platonisch“ steckt heute nicht mehr viel von der Liebestheorie, die der Philosoph und Namensgeber Platon in der Antike aufstellte. Wichtig ist aber: Gemeint ist eine Beziehung zwischen Menschen, nicht per se eine zwischen den Geschlechtern. Ob homo-, hetero- oder bisexuell: Für die Außenwelt sind unüberbrückbare sexuelle Differenzen wohl der einzige Garant für reine Freundschaft. Fehlen diese, haben liierte Menschen in platonischen Freundschaften laut Forscherin Beverley Fehr ein Problem: „Mit den Vorurteilen der Umwelt umzugehen und sie zu entkräften. Sie müssen sich immer verteidigen, dass es rein platonisch ist.“ Jedoch können Partner auf beiden Seiten auch eine Chance für eine platonische Freundschaft sein. Leben beide in glücklichen Beziehungen, sind die Verhältnisse klar und es fällt leicht, sich auf die Werte einer Freundschaft zu konzentrieren, die mit Sex nichts zu tun haben.

Und es hat „Zoom“ gemacht!

Was die Klaus Lage Band mit dem Hit „1000 und 1 Nacht (Zoom!)“ 1984 auf den Punkt brachte, war da noch nicht lange selbstverständlich: eine enge Freundschaft zwischen Mann und Frau, die Amor nicht auf dem Radar hatte. Noch in den 1970er Jahren galten platonische Freundschaften als anormal. Dann aber gaben bis zu 30 Prozent der Teilnehmer einer Studie an, eine Person des anderen Geschlechts ihren besten Freund zu nennen.

Im Lied kommt der Abend, an dem es „Zoom“ macht. Verlieren die beiden ihren besten Freund – oder gewinnen sie die Liebe ihres Lebens? In Deutschland ist sich laut einer YouGov-Umfrage nur jeder Vierte sicher: „Aus einer Freundschaft kann sich auch eine gute Liebesbeziehung entwickeln.“ Noch heikler wirkt der entgegengesetzte Weg von der Liebe in die Freundschaft. Denn eine Trennung bedeutet fast immer Enttäuschung, mindestens über den geplatzten Traum. Die Berliner Freundschaftsforscherin Ann Elisabeth Auhagen fand dennoch heraus, dass immerhin 30 Prozent aller gemischtgeschlechtlichen Freundschaften aus einer früheren Partnerschaft hervorgehen. Wunderheilerin Zeit dürfte ihren Anteil daran haben.